— 493 —
Und den alten Knaben, dessen nnvcrbeffcrliche Thorhcit so viel Bürgcrblntgekostet, haben die Pariser mit rührender Schonung behandelt. Er saß wirk-lich beim Schachspiel, wie der König der Hcrulcr, als die Sieger in sein Zeltstürzten. Mit zitternder Hand unterzeichnete er die Abdankung. Er hatdie Wahrheit nicht hören wollen. Er behielt ein offenes Ohr nur fürdie Lüge der Höflinge. Diese riefen immer: wir siegen! wir siegen! Un-begreiflich war diese Zuversicht des königlichen Thoren. . . Verwundertblickte er aus, als das Journal-deS-Debats, wie einst der Wächter währendder Longobardcnschlacht plötzlich ausrieft mallisureux roi! mrellleurousokkrauoo!
Mit ihm, mit Carl X., hat endlich das Reich Carls des Großen ein Ende,wie das Reich des Romulus sich endigte mit Romulus Nugustulus. Wieeinst ein neues Rom, so beginnt jetzt ein neues Frankreich.
Es ist mir alles noch wie ei» Traum; besonders der Name Lafayette klingtmir wie eine Sage aus der frühesten Kindheit. Sitzt er wirklich jetzt wiederzu Pferde, kommandircnd die Nationalgarde? Ich fürchte fast, es sei nichtwahr, denn es ist gedruckt. Ich will selbst nach Paris gehen, um mich mitleiblichen Augen davon zu überzeugen ... ES muß prächtig aussehen, wenner dort durch die Straßen reitet, der Bürger beider Welten, der göttcrglcicheGreis, die silbernen Locken herabwallcnd über die heilige Schulter... Ergrüßt mit den alten lieben Augen die Enkel jener Väter, die einst mit ihmkämpften für Freiheit und Gleichheit ... ES sind jetzt sechzig Jahr, daß eraus Amerika zurückgekehrt mit der Erklärung der Mcnschhcitsrcchtc, den zehnGeboten des neuen Wcltglaubcns, die ihm dort offenbart wurdcn unter Kano-nendonner und Blitz . . . Dabei weht wieder aus den Thürmcn von Parisdie dreifarbige Fahne und es klingt die Marseillaise!
Lafapettc, die dreifarbige Fahne, die Marseillaise... Ich bin wie be-rauscht. Kühne Hoffnungen steigen leidenschaftlich empor, wie Bäume mitgoldenen Fruchten und wilden, wachsenden Zweigen, die ihr Laubwerk weitausstrecken bis in die Wolken . . . Die Wolken aber im raschen Fluge ent-wurzeln diese Ricscnbäumc und jagen damit von danncn. Der Himmelhängt voller Violine» und auch ich rieche cS jetzt, die See duftet nach frischge-backenen Kuchen. Das ist ein beständiges Geigen da droben in himmelblauerFreudigkeit, und das klingt aus den smaragdenen Wellen wie heiteres Mäd-chcngckichcr. Unter der Erde aber kracht es und klopft es, der Boden öffnetsich, die alten Götter strecken daraus ihre Köpfe hervor, und mit hastiger Ver-wunderung fragen sie: „was bedeutet der Jubel, der bis ins Mark der Erdedrang? Was gibtS neues? dürfen wir wieder hinauf?" Nein, Ihr bleibtunten in Nebelhcin, wo bald ein neuer TodcSgcnosse zu Euch hinabsteigt. . .
Heine. VI. 42