Druckschrift 
6 (1855) Vermischte Schriften : zweite Abtheilung
Entstehung
Seite
492
Einzelbild herunterladen
 

492

Eben diese Geschichte las ich im Paul Varnefrid, als das dicke ZeitungS-paquct mit den warmen, glühend heißen Neuigkeiten vom festen Lande ankam.ES waren Sonnenstrahlen, eingewickelt in Druckpapier, und sie entflammtenmeine Seele, bis zum wildesten Brand. Mir war als könnte ich den ganzenOcean bis zum Nordpol anzünden mit den Gluthcn der Begeisterung und dertollen Freude, die in mir loderten. Jetzt weiß ich auch, warum die ganzeSee nach Kuchen roch. Der Seine-Fluß hatte die gute Nachricht unmittelbarins Meer verbreitet, und in ihren Kristallpalästcn haben die schönen Wasser-fraucn, die von jeher allem Heldcnthum hold, gleich einen Thcc-dansant gege-ben, zur Feier der großen Begebenheiten, und dcßhalb roch das ganze Meernach Kuchen. Ich lief wie wahnsinnig im Hause herum, und küßte zuerst diedicke Wirthin, und dann ihren freundlichen Scewolf, auch umarmte ich denpreußischen Justizkommifsarius, um dessen Lippen freilich das frostige Lächelndes Unglaubens nicht ganz verschwand. Sogar den Holländer drückte ich anmein Herz . . . Aber dieses indifferente Fettgesicht blieb kühl und ruhig, undich glaube, war ihm die Juliussonne in Person um den Hals gefallen, Myn-hecr würde nur in einen gelinde» Schweiß, aber keineswegs in Flammen gc-rathcn sein. Diese Nüchternheit in Mitten einer allgemeinen Begeisterungist empörend. Wie die Spartaner ihre Kinder vor der Trunkenheit bewahr-ten, indem sie ihnen als warnendes Beispiel einen berauschten Heloten zeigten:so sollten wir in unseren Erziehungsanstalten einen Holländer füttern, dessenspmpathielosc, gehäbige Fischnatur den Kindern eine» Abscheu vor der Nüch-ternheit einflößen möge. Wahrlich diese holländische Nüchternheit ist ein weitfataleres Laster als die Besoffenheit eines Heloten. Ich möchte Mpnhccr prü-geln . . .

Aber nein, keine Ercessc! Die Pariser haben uns ein so brillantes Bei-spiel von Schonung gegeben. Wahrlich, Ihr verdient cS frei zu sein, IhrFranzosen, denn Ihr tragt die Freiheit im Herzen. Dadurch unterscheidetIhr Euch von Euren armen Vätern, welche sich aus jahrtauscndlicher Knecht-schaft erhoben, und bei allen ihren Heldenthaten auch jene wahnsinnige Greuelausübten, worüber der Genius der Menschheit sein Antlitz verhüllte. DieHände des Volks sind diesmal nur blutig geworden im Schlachtgewühls ge-rechter Gegenwehr, nicht nach dem Kampf. Das Volk verband selbst dieWunden seiner Feinde, und als die That abgethan war, ging es wieder ruhigan seine Tagcsbeschäftigung, ohne für die große Arbeit auch nur ein Trink-geld verlaugt zu haben!

Den Sklaven, wenn er die Kette bricht,

Den freien Mann, den fürchte nicht!

Du siehst wie berauscht ich bin, wie außer mir, wie allgemein ... ich zitireSchillers Glocke.