— 486 —
duftet das zarteste Sittlichkeitsgcfühl. Sonderbar, dieses Sittlichkcitsgefühl,wie es sich noch bei anderen Gelegenheiten im Leben der Erzväter äußert, istnicht Resultat einer positiven Religion oder einer politischen Gesetzgebung —nein, damals gab cS bei den Vorfahren der Juden weder positive Religion,noch politisches Gcscsi, beides entstand erst in späterer Zeit. Ich glaube daherbehaupten zu können die Sittlichkeit ist unabhängig von Dogma nnd Legis-lation, sie ist ein reines Produkt des gesunden Mcnschengefühls, nnd diewahre Sittlichkeit, die Vernunft des Herzens, wird ewig fortleben, wenn auchKirche nnd Staat zu Grunde gehen.
Ich wünschte, wir besäßen ein anderes Wort zur Bezeichnung dessen, waswir seht Sittlichkeit nennen. Wir könnten sonst verleitet werde», die Sitt-lichkeit als ein Produkt der Sitte zu betrachten. Die romanischen Völker sindin demselben Falle, indem ihr rnorale von mores abgeleitet worden. Aberwahre Sittlichkeit ist, wie von Dogma nnd Legislation, so auch von den Sit-ten eines Volks unabhängig. Lchtcrc sind Erzeugnisse des Klimas, der Ge-schichte, und aus solchen Faktoren entstanden Legislation und Dogmatil. Esgiebt daher eine indische, eine chinesische, eine christliche Sitte, aber cS gicbtnur eine einzige, nämlich eine menschliche Sittlichkeit. Diese läßt sich vielleichtnicht im Begriff erfassen, und das Gescß der Sittlichkeit, das wir Moralnennen, ist nur eine dialektische Spielerei. Die Sittlichkeit offenbart sich inHandlungen, und nur in den Motiven derselben, nicht in ihrer Form nndFarbe, liegt die sittliche Bedeutung. Aus dem Titelblatt von Golowius Reisenach Japan stehen als Motto die schönen Worte, welche der russische Reisendevon einem vornehmen Japanesen vernommen: „Die Sitten der Völker sindverschieden, aber gute Handlungen werden überall als solche ancrkannt werden."
So lange ich denke, habe ich über diesen Gegenstand, die Sittlichkeit, nach-gedacht. Das Problem über die Natur des Guten und Bösen, das seit an-derthalb Jahrtausend alle große Gemüthcr in gnälende Bewegung gcscht, hatsich bei mir nur in der Frage von der Sittlichkeit geltend gemacht
Aus dem alten Testament springe ich manchmal ins neue, und auch hiernberschaucrt mich die Allmacht des großen Buches. Welchen heiligen Bodenbetritt hier Dein Fuß! Bei dieser Lektüre sollte man die Schuhe ausziehen,wie in der Nähe von Hciligthümern.
Die merkwürdigsten Worte des neuen Testaments sind für mich die Stelleim Evangelium Johannis, Cap. Ig, V. 12, 13. „Ich habe euch noch vielzu sagen, aber ihr könnet es jeht nicht tragen. Wenn aber jener, der Geistder Wahrheit, kommen wird, der wird euch in alle Wahrheit leiten. Denner wird nicht von sich selbst reden, sondern was er hören wird, das wird erreden, und was zukünftig ist, wird er euch verkündigen." Das lchtc Wortist also nicht gesagt worden, und hier ist vielleicht der Ring, woran sich eine