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6 (1855) Vermischte Schriften : zweite Abtheilung
Entstehung
Seite
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Geistes anerkannt wird. Welche schauerlich isolirtc Stellung mußten sie ein-nehmen unter den Völkern des Alterthums, die dem freudigsten Natnrdicnsteergeben, den Geist vielmehr in den Erscheinungen der Materie, in Bild undSymbol, begriffen! Welche entsetzliche Opposition bildeten sie dcßhalb gegendas buntgcfärbte, hieroglyphcnwimmclndc Egypten, gegen Phönizien, dengroßen Frcudctcmpel der Astarte, oder gar gegen die schöne Sünderin, dasholde, siißduftige Babylon, und endlich gar gegen Griechenland, die blühendeHeimath der Kunst!

Es ist ein merkwürdiges Schauspiel, wie das Volk des Geistes sich allmäligganz von der Materie befreit, sich ganz spiritualisirt. Moses gab dem Geistegleichsam materielle Bollwerke, gegen den realen Andrang der Nachbarvölker:Rings um das Feld, wo er Geist gcsäet, pflanzte er das schroffe Ccrcmonial-gcsctz und eine egoistische Nationalität als schützende Dornhcckc. Als aber dieheilige Gcistpflanze so tiefe Wurzeln geschlagen und so himmelhoch empor-geschossen, daß sie nicht mehr ausgcrrutct werden konnte: da kam Jesus Chri-stus und riß daS Ccrcmonialgcsctz nieder, daß fürder keine nützliche Bedeutungmehr hatte, und er sprach sogar das Vcrnichtungsurthcil über die jüdischeNationalität... Er berief alle Völker der Erde zur Thcilnahme an demReiche Gottes, das früher nur einem einzigen auserlesenen Gottesvolke gehörte,er gab der ganzen Menschheit das jüdische Bürgerrecht.. . Das war einegroße Emancipationsfragc, die jedoch weit großmüthigcr gelöst wurde, wie dieheutigen Emancipationsfragcn in Sachsen und Hannover. . . Freilich, derErlöser, der seine Brüder vom Ccrcmonialgcsetz und der Nationalität befreite,und den Cosmopolitismus stiftete, ward ein Opfer seiner Humanität, und derStadtmagistrat von Jerusalem ließ ihn kreuzigen und der Pöbel verspotteteihn. . .

Aber nur der Leib ward verspottet und gekreuzigt, der Geist ward verherr-licht, und das Märtyrthum des TriumphatorS, der dem Geiste die Weltherr-schaft erwarb, ward Sinnbild dieses Sieges, und die ganze Menschheit strebteseitdem, iu imitatiouom Lkristi, nach leiblicher Abtödtnng und übersinnlichemAufgehen im absoluten Geiste...

Wann wird die Harmonie wieder eintreten, wann wird die Welt wiedergesunden von dem einseitigen Streben nach Vcrgcistigung, dem tollen Jrr-thume, wodurch sowohl Seele wie Körper erkrankten! Ein großes Heilmittelliegt in der politischen Bewegung und in der Kunst. Napoleon und Goethehaben trefflich gewirkt. Jener, indem er die Völker zwang, sich allerlei gesundeKörperbewegung zu gestatten; dieser, indem er uns wieder für griechische Kunstempfänglich machte und solide Werke schuf, woran wir uns, wie an marmornenGötterbildern, festklammern können, um nicht unterzugehen im Ncbelmccr desabsoluten Geistes...