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6 (1855) Vermischte Schriften : zweite Abtheilung
Entstehung
Seite
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Als wir über den Römcrbcrg kamen, wollte Börne mich in die alte Kaiscr-burg hinaufführen, um dort die goldene Bulle zu betrachten.

Ich habe sie noch nie gesehen," seufzte er,und seit meiner Kindheit hegteich immer eine geheime Sehnsucht nach dieser goldncn Bulle. Ais Knabemachte ich mir die wunderlichste Vorstellung davon und ich hielt sie für eineKuh mit goldnen Hörnern; später bildete ich mir ein, es sei ein Kalb, underst als ich ein großer Junge ward, erfuhr ich die Wahrheit, daß sie nämlichnur eine alte Haut sei, ein nichtsnützig Stück Pergament, worauf geschriebensteht, wie Kaiser und Reich sich einander wechselseitig verkauften. Nein, laßtuns diesen miserabclen Contrakt, wodurch Deutschland zu Grunde ging, nichtbetrachten: ich will sterben, ohne die goldne Bulle gesehen zu haben."

Ich übergehe hier ebenfalls die bitteren Nachbemerkungen. Es gab einThema, das man nur zu berühren brauchte, um die wildesten und schmerzlich-sten Gedanken, die in Börne'S Seele lauerten, hervorzurufen; dieses Themawar Deutschland und der politische Zustand des deutschen Volkes. Börne warPatriot vom Wirbel bis zur Zehe und das Vaterland war seine ganze Liebe.

Als wir denselben Abend wieder durch die Judcngassc gingen, und das Ge-spräch über die Insassen derselben wieder anknüpften, sprudelte die Quelle desBörnc'schen Geistes um so heiterer, da auch jene Straße, die am Tage einendüsteren Anblick gewährte, jetzt aufs Fröhlichste illuminirt war, und die Kin-der Israel an jenem Abend, wie mir mein Cicerone erklärte, ihr lustiges Lam-penfest feierten. Dieses ist einst gestiftet worden zum ewigen Andenken anden Sieg, den die Makabäer über den König von Syrien so heldenmüthig er-fochten haben.

Sehen Sie," sagte Börne,das ist der I8tc Oktober der Juden, nurdaß dieser makabäische I8te Oktober mehr als zwei Jahrtausende alt ist, undnoch immer gefeiert wird, statt daß der leipziger 18te October noch nicht dasfünfzehnte Jahr erreicht hat, und bereits in Vergessenheit gcrathen. DieDeutschen sollten bei der alten Madame Rothschild in die Schule gehen, umPatriotismus zu lernen. Sehen Sie hier, in diesem kleinen Hause wohntdie alte Frau, die Lätizia, die so viele Finanzbonapartcn geboren hat, die großeMutter aller Anleihen, die aber trotz der Weltherrschaft ihrer königlichenSöhne noch immer ihr kleines Stammschlößchcn in der Judeng'asse nicht ver-lassen will, und heute wegen deS großen Freudenfestes ihre Fenster mit weißenVorhängen geziert hat. Wie vergnügt funkeln die Lämpchcn, die sie miteigenen Händen anzündete, um jencu Siegcstag zu feiern, wo Judas Maka-bäus und seine Brüder eben so tapfer und heldenmüthig das Vaterland be-freiten, wie in unfern Tagen Friedrich Wilhelm, Alexander und Franz II.Wenn die gute Frau diese Lämpchen betrachtet, treten ihr die Thräncu in diealten Augen, und sie erinnert sich mit wehmllthiger Wonne jener jüngeren