Druckschrift 
6 (1855) Vermischte Schriften : zweite Abtheilung
Entstehung
Seite
466
Einzelbild herunterladen
 

466

anderer Schriftsteller, verriet!) Börne seine nazarcnische Beschränktheit. Ichsage nazarcnisch, um mich weder des Ausdrucksjüdisch" nochchristlich" zubedienen, obgleich beide Ausdrücke für mich synonym sind und von mir nichtgebraucht werden, um einen Glauben, sondern um ein Naturell zu bezeich-nen.Inden" undChristen" sind für mich ganz sinnverwandte Worte imGegensatz zuHellenen," mit welchem Namen ich ebenfalls kein bestimmtesVolk, sondern eine sowohl angebornc als eingebildete GcisteSrichtnng und An-schauungsweise bezeichne. In dieser Beziehung möchte ich sagen: alle Men-schen sind entweder Juden oder Hellenen, Menschen mit aScctischcn, bild-feindlichcn, vcrgcistigungSsüchtigen Trieben, oder Menschen von lebcnsheite-rem, entfaltungsstolzem und realistischem Wesen. So gab es Hellenen indeutschen Predigcrfamilicn, und Juden, die in Athen geboren und vielleichtvon Thcseus abstammen. Der Bart macht nicht den Juden, oder der Zopfnicht den Christen, kann man hier mit Recht sagen. Börne war ganz Naza-rencr, seine Antipathie gegen Goethe ging unmittclbar hervor ans seinemnazarcnischcn Gcmüthe, seine spätere politische Exaltazion war begründet injenem schroffen AScctiSmuS, jenem Durst nach Märtyrthum, der überhauptbei den Republikanern gefunden wird, den sie republikanische Tugend nennenund der von der PassionSsucht der früheren Christen so wenig verschieden ist.In seiner spätem Zeit wendete sich Börne sogar zum historischen Christen-thnm, er sank fast in den Katholizismus, er fratcrnisirte mit dem PfaffenLamenais und verfiel in den widerwärtigsten Kapuzincrton, als er sich einstüber einen Nachfolger Gocthe'S, einen Panthcisten von der heitern Observanz,öffentlich aussprach. Psychologisch merkwürdig ist die Untersuchung, wiein Börnc'S Seele allmählig das eingeborene Christcnthum emporstieg, nach-dem es lange niedergehalten worden von seinem scharfen Verstand und seinerLustigkeit. Ich sage Lustigkeit Zaitö, nicht Freude, jol«; die Nazarcncr ha-ben zuweilen eine gewisse springende gute Laune, eine witzige cichkätzchcnhaftcMunterkeit, gar lieblich kapriziös, gar süß, auch glänzend, worauf aber baldeine starre Gcmüthsvertrübung folgt: es fehlt ihnen die Majestät der Gcnuß-seligkcit, die nur bei bewußten Götter» gefunden wird.

Ist aber in unserem Sinne kein großer Unterschied zwischen Juden undChristen, so eristirt dergleichen desto herber in der Wcltbctrachtung frankfur-ter Philister; über die Mißstände, die sich daraus ergeben, sprach Börne sehrviel und sehr oft während den drei Tagen, die ich ihm zu Liebe in der freienReichs- und Handelsstadt Frankfurt am Main verweilte.

Ja, mit drolliger Güte drang er mir das Versprechen ab, ihm drei Tagemeines Lebens zu schenken, er ließ mich nicht mehr von sich, und ich mußtemit ihm in der Stadt herumlaufen, allerlei Freunde besuchen, auch Freun-dinnen, z. B. Madame Wohl aus dem Wollgraben. Diese Madame Wohl