Druckschrift 
6 (1855) Vermischte Schriften : zweite Abtheilung
Entstehung
Seite
465
Einzelbild herunterladen
 

463

Börne's Humor, wovon ich ebcn ein sprechendes Beispiel gegeben, unter-schied sich von dem Humor Iran Paul's dadurch, daß letzterer gern die entfernte-sten Dinge incinandcrrllhrtc, während jener, wie ein lustiges Kind, nur nachdem Nahliegcndcn griff, und während die Phantasie des konfusen Polyhistorsvon Bayreuth in der Rumpelkammer aller Zeiten hcrumkramte und mitSicbcnmeilcnstiefcln alle Wcltgcgcndcn durchschweifte, hatte Börne nur dengegenwärtigen Tag im Auge und die Gegenstände, die ihn beschäftigten, lagenalle in seinem räumlichen Gesichtskreis. Er besprach das Buch, das er ebengelesen, das Ercigniß, das eben vorfiel, den Stein, an den er sich eben ge-stoßen, Rothschild, an dessen Haus er täglich vorbeiging, den Bundestag, derauf der Zeil rcsidirt, und den er ebenfalls an Ort und Stelle hassen konnte,endlich alle Gcdankcnwcge führten ihn zu Metternich. Sein Groll gegenGoethe hatte vielleicht ebenfalls örtliche Anfänge; ich sage Anfänge, nichtUrsachen; denn wenn auch der Umstand, daß Frankfurt ihre gemeinschaftlicheVaterstadt war, Börne's Aufmerksamkeit zunächst auf Goethe lenkte, so wardoch der Haß, der gegen diesen Mann in ihm brannte und immer leidenschaft-licher cnttoderte, nur die nothwcndige Folge einer tiefen in der Natur beiderMänner begründeten Differenz. Hier wirkte keine kleinliche Schelsucht, son-dern ein uneigennütziger Widerwille, der angcbornen Trieben gehorcht, einHader, welcher, alt wie die Welt, sich in allen Geschichten des Menschenge-schlechts kund giebt, und am grellsten hervortrat in dem Zweikampfe, welchender judäische Spiritualismus gegen hellenische Lcbcnsherrlichkeit führte, einZweikampf, der noch immer nicht entschieden ist und vielleicht nie ausgekämpftwird: der kleine Nazarcncr haßte den großen Griechen, der noch dazu eingriechischer Gott war.

Das Werk von Wolfgang Menzel war ebcn erschienen, und Börne freutesich kindisch, daß jemand gekommen sei, der den Muth zeige so rücksichtslosgegen Goethe aufzutreten.

Der Respekt" setzte er naiv hinzu,hat mich immer davon abgehalten,dergleichen öffentlich auszusprechen. Der Menzel, der hat Muth, der ist einehrlicher Mann, und ein Gelehrter; den müssen Sic kennen lernen, an demwerden wir noch viele Freude erleben; der hat viel Courage, der ist ein grund-ehrlicher Mann, und ein großer Gelehrter! An dem Goethe ist gar nichts,er ist eine Memme, ein serviler Schmeichler und ein Dilettant."

Aus dieses Thema kam er oft zurück ; ich mußte ihm versprechen, in Stutt-gart den Menzel zu besuchen, und er schrieb mir gleich zu diesem Bchufe eineEmpfchlungskarte, und ich höre ihn noch eifrig hinzusetzen: der hat Mnth,außerordentlich viel Courage, der ist ein hraver, grundehrlicher Mann undein großer Gelehrter!

Wie in seinen Acußcrungen über Goethe, so auch in seiner Vcurthcilung