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6 (1855) Vermischte Schriften : zweite Abtheilung
Entstehung
Seite
461
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zu sagen dicRcdaction der Gedanken, die logische Zusammensetzung der Ncdc-thcilc, kurz jene Kunst des PcriodcnbancS, den sie sowohl bei Goethe, wie beiihrem Gemahl so enthusiastisch bewunderte, und worüber wir damals fast täg-lich die fruchtbarsten Debatten führten. Die heutige Prosa, was ich hier bei-läufig bemerken will, ist nicht ohne viel Versuch, Bcrathung, Widerspruch undMuhe geschaffen worden. Rahcl liebte vielleicht Borne um so mehr, da sieebenfalls zu jenen Autoren gehörte, die, wenn sie gut schreiben sollen, sichimmer in einer leidenschaftlichen Anregung, in einem gewissen GcisteSranschbefinden müssen: Bachantcn des Gedankens, die dem Gottc mit heiliger Trun-kenheit nachtaumcln. Aber bei ihrer Vorliebe für wahlvcrwandte Naturen,hegte sie dennoch die größte Bewunderung für jene besonnenen Bildner desWortes, die all' ihr Denken, Fühlen und Anschauen, abgelöst von der gebä-renden Seele, wie einen gegebenen Stoff zu handhaben und gleichsam plastischdarzustellen wissen. Ungleich jener großen Frau, hegte Börne den engstenWiderwillen gegen dergleichen TarstcllungSart; in seiner snbjcctivcn Befan-genheit begriff er nicht die objcetivc Freiheit, die Gocthe'sche Weise, und diekünstlerische Form hielt er für Gemüthlosigkcit: er glich dem Kinde, welches,ohne den glühenden Sinn einer griechischen.Statue zu ahnen, nur die mar-mornen Formen betastet und über Kälte klagt.

Indem ich hier anticipircnd von dem Widerwillen rede, welchen die Gocthe-sche DarstcllnngSart in Börne aufregte, lasse ich zugleich crrathcn, daß dieSchreibart des letztern schon damals kein unbedingtes Wohlgefallen bei mirhervorrief. Es ist nicht meines Amtes, die Mängel dieser Schreibweise auf-zudecken, auch würde jede Andeutung über das, was mir an diesem Style ammeisten mißfiel, nur von den wenigsten verstanden werde». Nur so viel willich bemerken, daß, um vollendete Prosa zu schreiben, unter andern auch einegroße Meisterschaft in metrischen Formen erforderlich ist. Ohne solche Meister-schaft fehlt dem Prosaiker ein gewisser Takt, entschlüpfen ihm Wortfügun-gen, Ausdrücke, Cäsuren und Wendungen, die nur in gebundener Redestatthaft sind, und entsteht ein geheimer Mißlant, der nur wenige, aber sehrfeine Ohren verletzt.

Wie sehr ich aber auch geneigt war, an der Außcnschalc, an dem StyleBörne's zu mäkeln, und namentlich wo er nicht beschreibt, sondern raisonnirt,die kurzen Sätze seiner Prosa als eine kindische Nnbcholfcnhcit zu betrachten:so ließ ich doch dem Inhalt, dem Kern seiner Schriften, die reichlichste Gerech-tigkeit widerfahren, ich verehrte die Originalität, die Wahrheitsliebe, überhauptden edlen Charakter, der sich durchgängig darin aussprach, und seitdem verlorich den Verfasser nicht mehr aus dem Gcdächtniß. Man hatte mir gesagt,daß er noch immer zu Frankfurt lebe, und als ich mehre Jahre später, Anno1827, durch diese Stadt reisen mußte, um mich nach München zu begebe»,