feln. Es war nicht jene geheime Majestät, die man ans dem Antlitz einesKönigs oder eines Genies, die sich incognito unter der Menge verborgen hal-ten, entdecken kann; es war vielmehr jener revolutionairc, mehr oder mindertitanenhafte Mißmuth, den man auf den Gesichtern der Prätendenten jederArt bemerkt. Sein Auftreten, seine Bewegung, sein Gang, hatten etwasSicheres, Bestimmtes, Charaktervolles. Sind außerordentliche Menschenheimlich umflossen von dem Ausstrahlen ihres Geistes? Ahnet unser Gemiithdergleichen Glorie, die wir mit den Augen des Leibes nicht sehen können?Das moralische Gewitter in einem solchen außerordentlichen Menschen wirktvielleicht elektrisch auf junge noch nicht abgestumpfte Gemüther, die ihm nahen,wie das materielle Gewitter auf Katzen wirkt? Ein Funken aus dem Augedes Mannes berührte mich, ich weiß nicht wie, aber ich vergaß nicht diese Be-rührung und vergaß nie den Doktor Börne, welcher gegen die Comödiantcnschrieb.
Ja, er war damals Thcatcrkritikcr und übte sich an den Helden der Brcttcr-welt. Wie mein Universitäts-Freund Dicffenbach, als wir in Bonn studirtcn,überall wo er einen Hund oder eine Katze erwischte, ihnen gleich die Schwänzeabschnitt, aus purer Schncidclust, was wir ihm damals, als die armen Bestiengar entsetzlich heulten, so sehr verargten, später aber ihm gern verziehen, daihn diese Schncidclust zu dem größten Operateur Deutschlands machte: so hatsich auch Börne zuerst an Comödiantcn versucht, und manchen jugendlichenUebermuth, den er damals beging an den Heigeln, Wcidncrn, Ursprüngenund dergleichen unschuldigen Thicrcn, die seitdem ohne Schwänze herumlau-fen, muß man ihm zu Gute halten für die besseren Dienste, die er später alsgroßer politischer Operateur mit seiner gewetzten Kritik zu leisten verstand.
Es war Varnhagcn von Ense, welcher etwa zehn Jahre nach dem erwähn-ten Bcgegnisse den Namen Börne wieder in meiner Erinnerung hcraufrief,und mir Aufsätze des Mannes, namentlich in der „Wage" und in den „Zeit-schwingcn" zu lesen gab. Der Ton, womit er mir diese Lcctnrc empfahl, warbedeutsam dringend, und das Lächeln, welches um die Lippen der anwesendenRahel schwebte, jenes wohlbekannte, räthsclhaft wehmllthige, vcrnunftvollmystische Lächeln, gab der Empfehlung ein noch größeres Gewicht. Rahelschien nicht blos auf literarischem Wege über Börne unterrichtet zu sein, undwie ich mich erinnere, versicherte sie bei dieser Gelegenheit: cS c.ristirtcn Briefe,die Börne einst an eine geliebte Person gerichtet habe, und worin sein leiden-schaftlicher hoher Geist sich noch glänzender als in seinen gedruckten Aufsätzenausspräche. Auch über seinen Styl äußerte sich Rahel, und zwar mit Wor-ten, die jeder, der mit ihrer Sprache nicht vertraut ist, sehr mißverstehenmöchte; sie sagte: Börne kann nicht schreiben, eben so wenig'wie ich oderJean Paul. Unter Schreiben verstand sie nämlich die ruhige Anordnung, so