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6 (1855) Vermischte Schriften : zweite Abtheilung
Entstehung
Seite
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ihr dcr 'Dircctor der Oper widmet, ihr nichts helfen kann, wenn der großeMeister der Tonkunst seine Künste spielen läßt; und sie hat beschlossen, frei-willig Paris zu verlasse», nie wieder zurückzukehren und in fremden Landenihr Lcden zu beschließen. Ingrata xatriu, sagte sie jüngst, no vssa quickemwen Iiakebiz. In der That, seit einiger Zeit besteht sie wirklich nur nochaus Haut und Knochen.

Bei den Italienern, in der Opera buffa, gab es vorigen Winter eben sobrillante Fiascos wie in der großen Oper. Auch über die Sänger wurde dortviel geklagt, mit dem Unterschied, daß die Italiener manchmal nicht singenwollten und die armen französischen Sangcshclden nicht singen konnten. Nurdas kostbare Nachtigallenpaar, Signor Mario und Signora Grisi, warenimmer pünktlich auf ihrem Posten in der Salle Ventadour, und trillerten unsdort den blühendsten Frühling vor, während draußen Schnee und Wind, undFortcpianoconccrtc, und Deputirtcnkammcrdcbattcu, und Polkawahnsinn. Ja,das sind holdselige Nachtigallen, und die italienische Oper ist der ewig blühendesingende Wald, wohin ich oft flüchte, wenn winterlicher Trübsinn mich um-nebelt, oder der LebcnSsrost unerträglich wird. Dort, im süßen Winkel eineretwas verdeckten Loge, wird man wieder angenehm erwärmt, und man ver-blutet wenigstens nicht in der Kälte. Der melodische Zauber verwandelt dortin Poesie, was eben noch täppische Wirklichkeit war, der Schmerz verliert sichin Blumenarabcskcn, und bald lacht wieder das Herz. Welche Wonne, wennMario singt, und in den Augen der Grisi die Töne des geliebten Sprosscrssich gleichsam abspiegeln wie ein sichtbares Echo! Welche Lust, wenn dieGrisi singt und in ihrer Stimme der zärtliche Blick und das beglückte Lächelndes Mario melodisch wicderhallt! Es ist ei» liebliches Paar, und der per-sische Dichter,-der die Nachtigall die Rose unter den Vögeln und die Rosewieder die Nachtigall unter den Blumen genannt hat, würde hier erst recht inein Jmbroglio gcrathcn, denn jene beiden, Mario und Grisi, sind nicht bloSdurch Gesang, sondern auch durch Schönheit ausgezeichnet.

Ungern, troh jenem reizenden Paar, vermissen wir hier bei den BuffoSPauline Viardot, oder, wie wir sie lieber nennen, die Garcia. Sie ist nichterseht, und niemand kann sie ersehen. Diese ist keine Nachtigall, die bloS einGattungstalcnt hat und das Frühlingsgenre vortrefflich schluchzt und trillert; sie ist auch keine Rose, denn sie ist häßlich, aber von einer Art Häßlichkeit,die edel, ich mochte fast sagen schön ist, und die den großen Löwcnmaler La-croir manchmal bis zur Begeisterung entzückte! In der That, die Garciamahnt weniger an die civilisirte Schönheit und zahme Grazie unserer euro-päischen Heimath, als vielmehr an die schauerliche Pracht einer erotischenWildniß, und in manchen Momenten ihres passionirten Vortrags, zumalwenn sie den großen Mund mit den blendend weißen Zähnen übcrweit öffnet,