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6 (1855) Vermischte Schriften : zweite Abtheilung
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gegeben worden. Dem thätigen Eifer seiner hiesigen Freunde und Gönnerverdanken wir diesen Genuß. Obgleich diese Symphonie Mendelssohns imConscrvatoire sehr frostig aufgenommen wurde, verdient sie dennoch die Aner-kennung aller wahrhaft Kunstverständigen. Sic ist von echter Schönheit,und gehört zu Mendelssohns besten Arbeiten. Wie aber kommt es, daß demso verdienten und hochbegabten Künstler, seit der Aufführung des Paulus, denman dem hiesigen Publicum auferlegte, dennoch kein Lorbeerkranz aus franzö-sischem Boden hervorblühen will? Wie kommt es, daß hier alle Bemühun-gen scheitern, und daß das letzte Vcrzwcislungsmittcl des Odeonthcaters, dieAufführung der Chöre zur Antigene, ebenfalls nur ein klägliches Resultathervorbrachte? Mendelssohn bietet uns immer Gelegenheit, über die höchstenProbleme der Aesthctik nachzudenken. Namentlich werden wir bei ihm immeran die große Frage erinnert: was ist der Unterschied zwischen Kunst und Lüge?Wir bewundern bei diesem Meister zumeist sein großes Talcut für Form, fürStilistik, seine Bcgabniß sich das Außerordentlichste anzueignen, seine reizendschöne Faktur, sein feines Eidcchscnohr, seine zarten Fühlhörner und seineernsthafte, ich möchte fast sagen passionirtc Indifferenz. Suchen wir in einerSchwcstcrkunst nach einer analogen Erscheinung, so finden wir sie diesmal inder Dichtkunst, und sie heißt Ludwig Tieck. Auch dieser Meister wußte immerdas Vorzüglichste zu reproducircn, sei es schreibend, oder vorlesend, er verstandsogar das Naive zu machen, und er hat doch nie etwas geschaffen was dieMenge bezwang und lebcndg blieb in ihrem Herzen. Dem begabteren Men-delssohn würde es schon eher gelingen, etwas ewig bleibendes zu schaffen, abernicht auf dem Boden, wo zunächst Wahrheit und Leidenschaft verlangt wird,nämlich auf der Bühne; auch Ludwig Ticck, trotz seinem hitzigsten Gelüste,konnte es nie zu einer dramatischen Leistung bringen.

Außer der Mcndelssohn'schcn Symphonie hörten wir im Conscrvatoire mitgroßem Interesse eine Symphonie des seligen Mozart, und eine nicht mindertalentvolle Composition von Händel. Sie wurden mit großem Beifall auf-genommen.

Unser vortrefflicher Landsmann Ferdinand Hillcr genießt unter den wahr-haft Kunstverständigen ein zu großes Ansehen, als daß wir nicht, so groß auchdie Namen sind, die wir eben genannt, den sinnigen hier unter den Componistenerwähnen dürsten, deren Arbeiten im Conscrvatoire die verdiente Anerkennungfanden. Hillcr ist mehr ein denkender als ein fühlender Musiker, und man wirftihm noch obendrein eine zu große Gelehrsamkeit vor. Geist und Wissenschaftmögen wohl manchmal in den Composltioncn dieses Doctrinairs etwas kühlendwirken, jedenfalls aber sind sie immer anmuthig, reizend und schön. Vonschiefmänligcr Erccntricität ist hier keine Spur, Hillcr besitzt eine artistischeWahlverwandtschaft mit seinem Landsmann Wolsgang Goethe. Auch Hillcr