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6 (1855) Vermischte Schriften : zweite Abtheilung
Entstehung
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erklären; denn diese Wirkung ist ganz abhängig von der individuellen Leibcs-beschaffenheit des Kranken, und das Bad, das bei gleichen Krankhcitspmptomcndem einen fruchtet, übt auf den andern nicht den mindesten, wo nicht gar denschädlichsten Einfluß. In der Weise, wie z. B. der Magnetismus, enthaltenauch die Heilquellen eine Kraft, die hinlänglich constatirt aber keineswegs de-tcrminirt ist, deren Grenzen und auch geheimste Natur den Forschern bis jetztunbekannt geblieben, so daß der Arzt dieselben nur versuchsweise, wo alleandern Mittel fehlschlagen, als Mcdicamcnt anzuwenden Pflegt. Wenn derSohn Acsculaps gar nicht mehr weiß, was er mit dem Patienten anfangensoll, dann schickt er uns ins Bad mit einem langen Consultationszcttel, dernichts anderes ist, als ein offener Empfehlungsbrief an den Zufall!

Die Lebensmittel sind hier sehr schlecht, aber desto thcurcr. Frühstück undMittagessen werden den Gästen in hohen Körben und von ziemlich klebrigenMägden aufs Zimmer getragen, ganz wie in Göttingen. Hätten wir nurhier ebenfalls dcn jugcndlich-acadcmischcn Appetit, womit wir einst die gelehrt-trockensten Kalbsbraten Georgia Augusta's zermalmten! Das Leben selbstist hier so langweilig wie an den blumigen Ufern der Leine. Doch kann ichnicht umhin, zu erwähne», daß wir zwei sehr hübsche Bälle genossen, wo dieTänzer alle ohne Krücken erschienen. Es fehlte dabei nicht an einigen Töch-tern AlbionS, die sich durch Schönheit und linkisches Wesen auszeichneten;sie tanzten als ritten sie auf Eseln. Unter den Französinnen glänzte dieTochter des berühmten Ccllarius, die welche Ehre für das kleine Barögcs hier cigcnfüßig die Polka tanzte. Auch mehre junge Tanznixen der Pa-riser großen Oper, welche man Ratten nennt, unter andern die silbcrfüßigcMadcmoisclle Lclhommc, wirbelten hier ihre Entrechats, und ich dachte beidiesem Anblick wieder lebhaft an mein liebes Paris, wo ich es Vor lauter Tanzund Musik am Ende nicht mehr aushalten konnte, und wohin das Herz sichjetzt dennoch wieder zurücksehnt. Wunderbar närrischer Zauber! Vor lauterPlaisir und Belustigung wird Paris zuletzt so ermüdend, so erdrückend, soüberlästig, alle Freuden sind dort mit so erschöpfender Anstrengung verbun-den, daß man jauchzend froh ist, wenn man dieser Galeere des Vergnügenseinmal entspringen kann und kaum ist man einige Monate von dort ent-fernt, so kann eine einzige Walzcrmclodie oder der bloße Schatten eines Tän-zcrinncnbcins in unscrm Gcmüthc daS sehnsüchtigste Heimweh nach Pariserwecken! Das geschieht aber nur den bemoosten Häuptern dieses süßenBagnos, nicht den jungen Burschen unsrcr Landsmannschaft, die nach einemkurzen Semestcraufcnthalt in Paris gar kläglich bejammern, daß es dort nichtso gemllthlich still sei wie jenseits des Rheins, wo das Zcllenspstem des ein-samen Nachdenkens eingeführt ist, daß man sich dort nicht ruhig sammelnkönne wie etwa zu Magdeburg oder Spandau, daß das sittliche Bewußtsein