Heinrich Heine ist vielleicht verrückter als er selbst weiß; aber mit Gewißheitdürfen wir versichern, daß man ihn hier, in dem anarchischen Frankreich, nochimmer auf freien Füßen herumgehen läßt, was ihm wahrscheinlich zu Berlinwo die geistige Sanitätspolizei strenger gehandhabt wird, nicht gestattet werdenmöchte. Wie dem auch sei, fromme Gemüther an der Spree mögen sich trö-sten, wenn auch nicht der Geist, so ist doch der Leib des Dichters hinlänglichbelastet von lähmenden Gebresten, und auf der Reise von Paris hierher wardsein Siechthum so unleidlich, daß er unfern von Bagudre de Bigorrc den Wa-gen verlassen und sich aus einem Lehnsessel über das Gebirge tragen lassenmußte. Er hatte bei dieser erhabenen Fahrt manche erfreuliche Lichtblicke, niehat ihn Sonnenglanz und Waldgrün inniger bezaubert, und die großen Fel-senkoppen, wie steinerne Riescnhäupter, sahen ihn an mit fabelhaftem Mitleid.Die Hautss sind wunderbar schon. Besonders seelencrgnickend ist
die Musik der Bergwasser, die wie ein volles Orchester in den rauschendenThalfluß, den sogenannten Gävc, hinabstürzen. Gar lieblich ist dabei dasGeklingel dcr Lämmcrhecrdcn, zumal wenn sie in großer Anzahl wie jauchzendvon den BergcShaldcn heruntergesprungen kommen, voran die langwolligenMutterschafe und dorisch gehörnten Widder, welche große Glocken an denHälsen tragen, und nebcnhcrlaufend der junge Hirt, der sie nach dem Thal-dorse zur Schur führt, und bei dieser Gelegenheit auch die Liebste besuchen will.Einige Tage später ist das Geklingel minder heiter, denn es hat unterdessengewittert, aschgraue Nebelwolkcn hängen tief herab, und mit seine» gcschornc»,fröstelnd nackten Lämmern steigt der junge Hirt melancholisch wieder hinaufin seine Alpeneinsamkcit; er ist ganz eingewickelt in seinen braunen, reichge-flickten Baskesenmantel, und das Scheiden von Ihr war vielleicht bitter.
Ein solcher Anblick mahnt mich aufs lebhafteste an das Meisterwerk vonDecamps, welches der diesjährige Salon besaß, und das von so Vielen, javon dem kunstverständigsten Franzosen, Thcophile Gautier, mit hartem Un-recht getadelt ward. Der Hirt aus jenem Gemälde, der in seiner zerlumptenMajestät wie ein wahrer Bettclkönig aussieht, und an seiner Brust unter denFetzen des Mantels, ein armes Schäfchen vor dem Regenguß zu schützensucht, die stumpfsinnig trüben Wetterwolken mit ihren feuchten Grimassen, derzottighäßliche Schäferhund — alles ist auf jenem Bilde so naturwahr, sopyrenäcngctrcu gemalt, so ganz ohne sentimentalen Anstrich und ohne süßlicheVeridealisirung, daß einem hier das Talent des Decamps fast erschreckend, inseiner naivsten Nacktheit, offenbar wird.
Die Pyrenäen werden jetzt von vielen französischen Malern mit großemGlück ausgebeutet, besonders wegen der hiesigen pittoresken Volkstrachten, unddie Leistungen von Leleur, die unser feintreffender Pfeil-College immer soschön gewürdigt, verdienen das gespendete Lob; auch bei diesem Maler ist