Druckschrift 
6 (1855) Vermischte Schriften : zweite Abtheilung
Entstehung
Seite
427
Einzelbild herunterladen
 

427

zige Bemerkung erlauben wir uns in Beziehung auf die Debatten, die in derPairskammer über den Sccundairuntcrricht stattgefunden, und wo die clcricalePartei nur scheinbar unterlag. In der That triumphirtc sie, und cS war schonein hinlänglicher Triumph, daß sie als organisirte Partei ans Tageslicht trat.Wir sind weit entfernt, dieses kühne Austreten zu tadeln, und es mißfällt unsweit weniger, als jene schlottrige Halbheit, welche die Gegner sich zu Schuldenkommen ließen. Wie kläglich zeigte sich hier HcrrVillcmain, der kleine Nhe-tor, der windige Bcl-Esprit, dieser abgestandene Voltairiancr, der sich einBischen an den Kirchenvätern gerieben, um einen gewissen ernsthaften Anstrichzu gewinnen, und der von einer Unwissenheit beseelt war, die ans Erhabenegrenzte! ES ist mir unbegreiflich, daß ihm Herr Guizot nicht aus der Stelleden Laufpaß gegeben, denn diesem großen Gelehrte» mußte jene schülerhafteVerlegenheit, jener Mangel an den dürftigsten Vorkenntnissen, jene wissen-schaftliche Nullität, noch weit empfindlicher mißfallen, als irgend ein politischerFehler! Um die Schwäche und Jnhaltlosigkeit seines College» einigermaßenzu decken, mußte Guizot mehrmals das Wort ergreifen z aber alles, was ersagte, war matt, farblos und uncrguickiich. Er würde gewiß bessere Dingevorgebracht haben, wenn er nicht Minister der auswärtigen Angelegenheiten,sonder» Minister dcS Unterrichts gewesen wäre, und für die besondcrn Inter-essen dieses Departements eine Lanze gebrochen hätte. Ja, er würde sich fürdie Gegenpartei noch weit gefährlicher erwiesen haben, wenn er ganz ohne welt-liche Macht, nur mit seiner geistlichen Macht bewaffnet, wenn er als bloßerProfessor für die Befugnisse der Philosophie in die Schranken getreten wäre!In einer solchen günstiger» Lage war Victor Cousin, und ihm gebührt vor-zugsweise die Ehre dcS Tages. Cousin ist nicht, wie jüngst ziemlich gries-grämig behauptet worden, ein philosophischer Dilettant, sondern er ist vielmehrein großer Philosoph, er ist hier Haussohn der Philosophie, und als diese an-gegriffen wurde von ihren unversöhnlichsten Feinden, mußte unser VictorCousin seine oratio pro äomo halten. Und er sprach gut, ja vortrefflich, mitUebcrzcugung. Es ist für uns immer ein kostbares Schauspiel, wenn diefriedliebendsten Männer, die durchaus von keiner Streitlust beseelt sind, durchdie inncrn Bedingungen ihrer Existenz, durch die Macht der Ereignisse, durchihre Geschichte, ihre Stellung, ihre Natur, kurz durch eine unabwcislichc Fa-talität, gezwungen werden, zu kämpfen. Ein solcher Kämpfer, ein solcherGladiator der Nothwcndigkcit war Cousin, als ein unphilosophischer Ministerdes Unterrichts die Interessen der Philosophie nicht zu vcrtheidigcn vermochte.Keiner wußte besser als Victor Cousin, daß es sich hier um keine neue Sachehandelte, daß sein Wort wenig beitragen würde zur Schlichtung des altenStreits, und daß da kein definitiver Sieg zu erwarten sei. Ein solches Be-wußtsein übt immer einen dämpfenden Einfluß, und alles Brillantfeucr des