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6 (1855) Vermischte Schriften : zweite Abtheilung
Entstehung
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e'sst Ulromme," grundfalsch ist. Der Stil des Herrn Villemain ist schön,edel, wohlgewachsen und reinlich. Auch Victor Cousin kann ich nicht ganzverschonen mit dem Vorwurf des JcsmtiSmus. Der Himmel weiß, daß ichgeneigt bin, Herrn Cousins Vorzügen Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, daßich den Glanz seines Geistes gern anerkenne: aber die Worte, womit crjüngstin der Academie die Ucbersctzung Sxinoza's ankündigte, zeugen weder vonMuth noch von Wahrheitsliebe. Cousin hat gewiß die Interessen der Philo-sophie unendlich gefördert, indem er den Spinoza dem denkenden Frankreichzugänglich machte, aber er hätte zugleich ehrlich gestehen sollen, daß er dadurchder Kirche keinen großen Dienst geleistet. Im Gcgentheil sagte er, der Spi-noza sei von einem seiner Schüler, einem Zögling der blools normale, über-seht worden, um ihn mit einer Widerlegung zu begleiten, und während diePrlestcrpartci die Universität so heftig angreife, sei es doch eben diese arme,unschuldige, verketzerte Universität, welche den Spinoza widerlege, den gefähr-lichen Spinoza, jenen Erbfeind des Glaubens, der mit einer Feder aus denschwarzen Flügeln Satans seine deiciden Bücher geschrieben! Wen betrügtman hier? ruft Figaro. ES war in der ^.oackdmie «kos soienoes morales etxolitiguos, wo Cousin in solcher Weise die französische Ucbcrsetzung des Spi-noza ankündigte; sie ist außerordentlich gelungen, während die gerühmteWiderlegung so schwach und dürftig ist, daß sie in Deutschland für ein Werkder Ironie gelte» würde.

3.

Paris, den 26. Jnli 1843.

Jedes Volk hat seinen Nationalfchler, und wir Deutschen haben den unsrl-gen, nämlich jene berühmte Langsamkeit, wir wissen es sehr gut, wir habenBlei in den Stiefeln, sogar in den Pantoffeln. Aber was nützt den Fran-zosen alle Geschwindigkeit, all ihr flinkes anstelliges Wesen, wenn sie eben soschnell vergessen, was sie gethan? Sic haben kein Gedächtnis;, und das ist ihrgrößtes Unglück. Die Frucht jeder That und jeder Unthat geht hier verlorendurch Vergeßlichkeit. Jede» Tag müssen sie den Kreislauf ihrer Geschichtewieder durchlaufen, ihr Leben wieder von vorne anfangen, ihre Kämpfe aufsneue durchkämpfen und morgen hat der Sieger vergessen daß er gesiegt hatte,und der Ueberwundene hat eben so leichtsinnig seine Niederlage und ihre heil-samen Lehren vergessen. Wer hat im Julius 1836 die große Schlacht gewon-nen? Wer hat sie verloren? Wenigstens in dem großen Hospital, wo, ummich eines Ausdrucks von Mignet zu bedienen, jede gestürzte Macht ihreBlessirten untergebracht hat, hätte man sich dessen erinnern sollen! Diese ein-