— 419 —
nur die Dialektik: von dem Ucbersctzcr des Plato könnte man, das banaleWort umkehrend, gewissermaßen behaupten, er liebe den Plato mehr als dieWahrheit. Hier unterscheidet sich Cousin von den deutschen Philosophen: wieden letzteren, ist auch ihm das Denken letzter Zweck des Denkens, aber zusolcher philosophischer Absichtölosigkeit gesellt sich bei ihm auch ein gewisser ar-tistischer Jndissercntismus. Wie sehr muß nun dieser Mann einem PierreLcrour verhaßt sein, der weit mehr ein Freund der Menschen als der Gedan-ken ist, dessen Gedanken alle einen Hintergedanken haben, nämlich das In-teresse der Menschheit, und der als geborener Jkonoklast keinen Sinn hat fürkünstlerische Freude an der Form! In solcher geistigen Verschiedenheit liegengenug Gründe des Grolls, und man hätte nicht nöthig gehabt, die Feindschaftdes Leroux gegen Cousin aus persönlichen Motiven, aus geringfügigen Vor-fallcnheitcn des Tagcslebens zu erklären. Ein Bischen unschuldige Privat-maliee mag mit unterlaufe»; denn die Tugend, wie erhaben sie auch dasHaupt in den Wolken trägt und nur in Himmclsbetrachtnngen verlorenscheint, so bewahrt sie doch im gctreusamstcn Gedächtnisse jeden kleinen Nadel-stich, den man ihr jemals versetzt hat.
Nein, der leidenschaftliche Grimm, die Berscrkcrwuth des Pierre Lcrour ge-gen Victor Cousin, ist ein Ergebniß der Gcistcsdifferenz dieser beiden Männer.Es sind Naturen, die sich nothwcndigerwcisc abstoßen. Nur in der Ohnmachtkommen sie einander wieder nahe, und die gleiche Schwäche der Fundamenteverleiht den entgegengesetzten Dsctrinen eine gewisse Achnlichkeit. Der Eklcc-ticismus von Cousin ist eine fcindrähtigc Hängebrücke zwischen dem schottisch-plumpen Empirismus und der deutsch abstrakten Idealität, eine Brücke, diehöchstens dem leichtfüßigen Bedürfnisse einiger Spaziergänger genügen mag,aber kläglich einbrechen würde, wollte die Menschheit mit ihrem schweren Her-zensgcpäcke und ihren trampelnden Schlachtrosscn darüber hinmarschiren. Lc-rour ist ein Pontifcr Maximus in einem höher», aber noch weit unpraktischemStile, er will eine kolossale Brücke bauen, die, aus einem einzigen Bogen be-stehend, auf zwei Pfeilern ruhen soll, wovon der eine aus dem materialisti-schen Granit des vorigen Jahrhunderts, der andere aus dem gctränmtcnMondschein der Zukunft verfertigt worden, und diesem zweiten Pfeiler giebter zur Basis irgend einen noch uncntdccktcn Stern in der Milchstraße. So-bald dieses Riesenwerk fertig sein wird, wollen wir darüber referircn. Bisjetzt läßt sich von dem eigentlichen System des Lcrour nichts Bestimmtes sagen,er giebt bis jetzt nur Materialien, zerstreute Bausteine. Auch fehlt es ihmdurchaus an Methode, ein Mangel, der den Franzosen eigcnthümlich ist, mitwenigen Ausnahmen, worunter besonders Charles de Remusat genannt wer-den muß, der in seinen Ilssais äs IWIosoxlrig fein kostbares Mcisterbuch!)die Bedeutung der Methode begriffen und für ihre Anwendung ein großes