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6 (1855) Vermischte Schriften : zweite Abtheilung
Entstehung
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Er zählt die Häupter seiner Lieben,

Und sich, es fehlt kein theurcs Haupt."

Hierauf betrachtet er auch die um ihn her sitzenden College», und wenn ichboshaft wäre, würde ich seinen Blick ganz eigen commentiren. Er kommt mirin solchen Momenten immer vor wie ein Hirt, der seine Heerde mustert. Siegehören ihm ja alle, ihm, dem Pcrpctuellcn, der sie alle überleben und sie frühoder spät in seinen?röc!s Iristoriqnes scciren und balsamircn wird. Er scheinteines Jeden Gesundheitszustand zu prüfen, um sich zu der künftigen Redevorbereiten zu können. Der alte Ballanche sieht sehr krank aus, und Mignetschüttelt den Kopf. Da jener arme Mann gar kein Leben gelebt und aus die-ser Erde gar nichts anderes gcthan hat, als daß er zu den Füßen von MadameRccamicr saß und Bücher schrieb, die niemand liest und jeder lobt, so wirdMignet wirklich seine Noth haben, ihm in seinem Ursels llistori<iu« einemenschliche Seite abzugewinnen, und ihn genießbar zu machen.

In der heutigen Sitzung war der verstorbene Daunou der Gegenstand, denMignet behandelte. Zu meiner Schande gestehe ich, daß letzterer mir unbe-greiflich wenig bekannt war, daß ich nur mit Mühe einige seiner Lebensmo-mcntc in meinem Gedächtnisse wiederfand. Auch bei Anderen, besonders beider jüngeren Generation, begegnete ich einer großen Unwissenheit in Bezugauf Daunou. Und dennoch hatte dieser Mann während einem halben Jahr-hundert an dem großen Rad gedreht, und dennoch hatte er unter der Republikund dem Kaiscrthume die wichtigsten Acmtcr bekleidet, und dennoch war er bisan sein Lebensende ein tadelloser Verfechter der Mcnschhcitsrechte, ein unbeug-samer Kämpe gegen GeistcSkncchtschaft, einer jener hohen Organisatore» derFreiheit, die gut sprachen, aber noch besser handelten, und das schöne Wort indie heilsame That umschufen. Warum aber ist er trotz aller seiner Verdienste,trotz seiner rastlosen politischen und literarischen Thätigkcit dennoch nicht be-rühmt geworden? Warum glüht in unsrer Erinnerung sein Name nicht sofarbig wie die Namen so mancher seiner Collegen, die eine minder bedeutendeNolle gespielt? Was fehlte ihm um zur Berühmtheit zu gelangen? Ichwill es mit einem Worte sagen: die Leidenschaft. Nur durch irgend eine Ma-nifestation der Leidenschaft werden die Menschen auf dieser Erde berühmt.Hier genügt eine einzige Handlung, ein einziges Wort, aber sie müsse» dasleidenschaftliche Gepräge tragen. Ja, sogar die zufällige Begegnung mit gro-ßen Ereignissen der Leidenschaft gewährt unsterblichen Nachruhm. Der seligeDaunou war aber ein stiller Mönch, der den klösterlichen Frieden im Gcmüthetrug, während alle Stürme der Revolution um ihn her rasctcn, der sein Tag-werk vollbrachte ruhig und furchtlos, unter Robespierrc wie unter Napoleon,und der eben so bescheiden starb, wie er bescheiden lebte. Ich will nicht sagen,

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