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6 (1855) Vermischte Schriften : zweite Abtheilung
Entstehung
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Monsieur Symbole im Collsgc-dc-France zu hoöpitiren; ich fand den Hörsaalimmer überfüllt von Studenten, die mit Begeisterung sich um den Gefeiertendrängten. Seine Wahrheitsliebe und strenge Redlichkeit ist vielleicht ebenfallsder Grund, warum man ihn so ehrt und liebt. Als Schriftsteller behauptetMichelct den ersten Rang. Seine Sprache ist die holdseligste, die man sichdenken kann, und alle Edelsteine der Poesie glänzen in seiner Darstellung.Soll ich einen Tadel aussprechen, so möchte ich zunächst den Mangel an Dia-lektik und Ordnung bedauern: wir begegnen hier einer bis zur Fratze gestei-gerten Abenteuerlichkeit, einem berauschten Uebermaß, wo das Erhabene über-schlägt ins Scurrile und das Sinnige ins Läppische. Ist er ein großerHistoriker? Verdient er neben Thiers, Wignct, Guizot und Thicrry, diesenewigen Sternen, genannt zu werden ? Ja, er verdient, obgleich er die Ge-schichte in einer ganz andern Weise schreibt. Soll der Historiker, nachdem ergeforscht und gedacht, uns die Vorfahren und ihr Treiben, die That der Zeitzur Anschauung bringen; soll er durch die Zaubergcwalt des Wortes die tobteVergangenheit aus dem Grabe beschwören, daß sie lebendig vor unsre Seeletritt ist dieses die Aufgabe, so können wir versichern, daß Michelct sie voll-ständig löst. Mein großer Lehrer, der selige Hegel, sagte mir einst: wennman die Träume aufgeschrieben hätte, welche die Menschen während einerbestimmten Periode geträumt haben, so würde einem aus der Lectüre diesergesammelten Träume ein ganz richtiges Bild vom Geiste jener Periode auf-steigen. Michclcts französische Geschichte ist eine solche Collection von Träu-men, ein solches Traumbuch: das ganze träumende Mittelalter schaut daraushervor mit seinen tiefen leidenden Augen, mit dem gespenstigen Lächeln, undwir erschrecken fast ob der grellen Wahrheit der Farbe und Gestalt. In derThat, für die Schilderung jener somnambulen Zeit paßte eben ein somnam-buler Geschichtschreiber, wie Michelct.

In derselbe» Weise wie gegen Michelct, hat gegen Quinct sowohl die cleri-cale Partei als auch die Regierung ein höchst unkluges Verfahren einge-schlagen. Daß erstcrc, die Männer der Liebe und des Friedens, sich in ihremfrommen Eifer weder klug noch sanftmüthig zeigen würden, setzt mich nicht inVerwunderung. Aber eine Regierung, an deren Spitze ein Mann der Wis-senschaft, hätte sich doch milder und vernünftiger benehmen können. Ist derGeist Guizots ermüdet von den Tageskämpfen? Oder hätten wir uns in ihmgeirrt, als wir ihn für den Kämpen hielten, der die Eroberungen des mensch-lichen Geistes gegen Lug und Cicrisei am standhaftesten verthcidigcn würde?Als er, nach dem Sturz von Thiers, ans Ruder kam, schwärmten für ihnalle Schulmeister Germanins, und wir machten Chorus mit dem aufgeklärtenGelehrtenstand. Diese Hosianna-Tage sind vorüber, und es ergreift uns eineVerzagniß, ein Zweifel, ein Mißmuth, der nicht auszusprechen weiß, was er