— 408 —
unter der Regierung Karls X., eines Königs, der persönlich die höchste Ach-tung verdiente, und von dem man im voraus überzeugt war, daß er, demHeile seiner Seele alle Erdcugiitcr opfernd, mit ritterlichem Muthc bis zumletzten Nthcmzuge für die Kirche kämpfen werde, gegen Satan und die rcvo-lutionaircn Heiden. Man stürzte ihn vom Thron, eben weil man ihn füreinen edlen, gewissenhaften ehrlichen Mann hielt. Ja, er war es, eben so wieLudwig XVI., aber 1830 wäre der bloße Verdacht ebenfalls hinreichend gewe-sen, um Karl X. dem Untergang zu widmen. Dieser Verdacht ist auch derwahre Grund, weshalb sein Enkel in Frankreich keine Zukunft hat! manweiß, daß ihn die Geistlichkeit erzogen, und daö Volk nannte ihn immer lexstit jssuita.
Es ist ein wahres Glück für die Juliusdynastie, daß sie durch Zufall undZeitumstände diesem tödtlichcn Verdachte entgangen ist. Der Vater LudwigPhilipps war wenigstens kein Frömmler; das gestehen selbst seine ärgstenVerleumder. Er gestattete dem Sohne die freie Ausbildung seines Geistes,und dieser hat mit der Ammcnmilch die Philosophie des achtzehnten Jahrhun-derts eingesogen. Auch lautet der Refrain aller lcgitimistischen Klagen, daßder jetzige König nicht gottcsfürchtig genug sei, daß er immer ein liberalerFreigeist gewesen, und daß er sogar seine Kinder in Unglauben heranwachsenlasse. In der That, seine Söhne sind ganz die Söhne des neuen Frankreichs,in dessen öffentlichen Kollegien sie ihren Unterricht genossen. Der verstorbeneHerzog von Orleans war der Stolz der jungen Generation, die mit ihm indie Schule gegangen und wahrhaftig viel gelernt hatte. Der Umstand, daßdie Mutter des Kronprinzen von Frankreich eine Protestantin, ist von unab-sehbarer Wichtigkeit. Der Verdacht der Bigotteric, der der altern Dynastieso fatal geworden, wird die Orleans nicht treffen.
Der Kamps gegen die Kirche wird nichtsdestoweniger seine große politischeBedeutung behalten. Wie gewaltig auch die Macht des ClcruS in der letztenZeit emporblühte, wie bedeutend auch seine Stellung in der Gesellschaft, wiesehr er auch gedeiht, so sind doch die Gegner immer gerüstet ihm die Stirnc zubieten, und wenn bei nächtlichem Uebcrsall der Liberalismus sein „Burscheheraus!" ruft, kommen gleich an allen Fenstern die Lichter zum Vorschein,und Jung und Alt rennt heran mit allen möglichen Schlägern, wo nicht garmit den Piken des Jakobinismus. Der Clcrus will, wie er es immer wollte,in Frankreich zur Oberherrschaft kommen, und wir sind unparteiisch genug,um seine geheimen und öffentlichen Bestrebungen nicht den kleinen Trieben desEhrgeizes, sondern den uneigennützigsten Besorgnissen für das Seelenheil deSVolkes zuzuschreiben. Die Erziehung der Jugend ist ein Mittel, wodurch derheilige Zweck am klügsten befördert wird, auch ist auf diesem Wege schon dasUnglaublichste geschehen, und der Clerus mußte nothwcndigcrwcise mit den