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6 (1855) Vermischte Schriften : zweite Abtheilung
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lande erscheinen mochte. Auch im Gemüthe des Aufgeklärtesten nistet immerein kleines Nlräunchen dcö alten Aberglaubens, das sich nicht ausbanncn läßt;man spricht nicht gern davon, aber cS treibt in den geheimsten Schlupfwinkelnunsrcr Seele sein unkluges Wesen. Die Ehe, welche ich mit unserer liebenFrau Germania, der blonden Bärenhäutcrin, geführt, war nie eine glücklichegewesen. Ich erinnere mich wohl noch einiger schönen Mondscheinnächte, wosie mich zärtlich preßte an ihren großen Bußen mit den tugendhasten Zitzendoch diese sentimentalen Nächte lassen sich zählen, und gegen Morgen trat im-mer eine verdrießlich gähnende Kühle ein, und begann das Keifen ohne Ende.Auch lebten wir zuletzt getrennt von Tisch und Bett. Aber bis zu einer eigent-lichen Scheidung sollte cS nicht kommen. Ich habe es nie übers Herz bringenkönnen, mich ganz loszusagen von meinem Hauskreuz. Jede Abtrünnigkeitist mir verhaßt, und ich hätte mich von keiner deutschen Katze lossagen mögen,nicht von einem deutschen Hund, wie unausstehlich mir auch seine Flöhe undTreue. Das kleinste Ferkclchen meiner Heimath kann sich in dieser Beziehungnicht über mich beklagen. Unter den vornehmen und geistreichen Sauen vonPcrigord, welche die Trüffeln erfunden und sich damit mästen, vcrläugncic ichnicht die bescheidenen Grünzlinge, die daheim im Teutoburger Wald nur mitder Frucht der vaterländischen Eiche sich atzen aus schlichtem Holztrog, wie einstihre frommen Vorfahren, zur Zeit als Arminius den Varus schlug. Ichhabe auch nicht eine Borste meines DentschthumS, keine einzige Schelle anmeiner deutschen Kappe eingebüßt, und ich habe noch immer das Recht, darandie schwarz-roth-goldene Cocarde zu heften. Ich darf noch immer zu Maß-mann sagen:Wir deutsche Esel!" Hätte ich mich in Frankreich naturali-sircn lassen, würde mir Maßmann antworten können:Nur Ich bin eindeutscher Esel, du aber bist es nicht mehr" und er schlüge dabei einen ver-höhnenden Purzelbaum, der mir das Herz bräche. Nein, solcher Schmachhabe ich mich nicht ausgesetzt. Die Naturalisation mag für andere Leute pas-sen; ein versoffener Advokat aus Zwcibrllckeu, ein Strohkops mit einer eiser-nen Stirn und einer kupfernen Nase, mag immerhin, um ein Schulmcistcr-amt zu erschnappen, ein Vaterland ausgeben, das nichts von ihm weiß und nieetwas von ihm erfahren wird aber dasselbe geziemt sich nicht für einen deut-schen Dichter, welcher die schönsten deutschen Lieder gedichtet hat. Es wärefür mich ein entsetzlicher, wahnsinniger Gedanke, wenn ich mir sagen müßte,ich sei ein deutscher Poet und zugleich ein naturalisirter Franzose.Ich kämemir selber vor wie eine jener Mißgeburten mit zwei Köpfen, die man in denBuden der Jahrmärkte zeigt. Es würde mich beim Dichten unerträglich ge-nircn, wenn ich dächte, der eine Kopf singe auf einmal an, im französischenTruthahnpathos die unnatürlichsten Alexandriner zu scandircn, während derandere in den angebornen wahren Naturmctren der deutschen Sprache seine