Wenn man diese Misere eingesehen, kann man wahrlich den schwedischenStudenten nicht mehr grollen, die sich etwas allzustark gegen den Unfug derVirtuoscnvcrgöttcruug ausgesprochen und dem dcriihmtcu Ole Bull bei seinerAnkunft in Upsala die bekannte Ovation bereiteten. Der Gefeierte glaubteschon, man wurde ihm die Pferde ausspannen, machte sich schon gefaßt aufFackelzug und Blumenkränze, als er eine ganz unerwartete Tracht Ehrenprü»gel bekam, eine wahrhaft nordische Snrprise.
Die Matadoren der diesjährigen Saison waren die Herren Sivori undDrcyschock. Erstcrcr ist ein Geiger, und als solchen stelle ich ihn über letztem,den furchtbaren Clavierschläger. Bei den Violinisten ist überhaupt die Virtuo-sität nicht ganz und gar Resultat mechanischer Fingerfertigkeit und bloßerTechnik, wie bei den Pianisten. Die Violine ist ein Instrument, welches fastmenschliche Launen hat und mit der Stimmung des Spielers sozusagen ineinem sympathetischen Rapport steht: das geringste Mißbehagen, die leisesteGcmüthserschüttcruug, ein Gefühlshauch, findet hier einen unmittelbarenWiederhat!, und das kommt wohl daher, weil die Violine so ganz nahe anunsrc Brust gedrückt, auch unser Herzklopfen vernimmt. Dies ist jedoch nurbei Künstlern der Fall, die wirklich ein Herz in der Brust tragen, welchesklopft, die überhaupt eine Seele haben. Je nüchterner und herzloser der Vio-linspieler, desto gleichförmiger wird immer seine Exemtion sein, und er kannaus den Gehorsam seiner Fiedel rechnen, zu jeder Stunde, an jedem Orte.Aber diese gepriesene Sicherheit ist doch nur das Ergcbniß einer geistigen Be-schränktheit, und eben die größten Meister waren es, deren Spiel nicht seltenabhängig gewesen von äußern und inncrn Einflüssen. Ich habe Niemandbesser, aber auch zu Zeiten Niemand schlechter spielen gehört als Paganini,und dasselbe kann ich von Ernst rühmen. Dieser letztere, Ernst, vielleicht dergrößte Violinspielcr unsrer Tage, gleicht dem Paganini auch in seine» Gebre-chen, wie in seiner Genialität. Erust's Abwesenheit ward hier diesen Wintersehr bedauert. Signor Sivori war ein sehr matter Ersatz, doch wir haben ihnmit großem Vergnügen gehört. Da er in Genua geboren ist und vielleichtals Kind in den engen Straßen seiner Vaterstadt, wo man sich nicht auswei-chen kann, dem Paganini zuweilen begegnete, hat mau ihn hier für einenSchüler desselben proclamirt. Nein, Paganini hatte nie einen Schüler,konnte keinen haben, denn das Beste, was er wußte, das, was das Höchste inder Kunst ist, das läßt sich weder lehren noch lernen.
Was ist in der Kunst das Höchste? Das, was auch in allen andern Mani-festationen des Lebens das Höchste ist: die selbst bewußte Freiheit des Geistes.Nicht blos ein Musikstück, das in der Fülle jenes Selbstbewußtseins compo-nirt worden, sondern auch der bloße Vortrag desselben kann als das künstlerischHöchste betrachtet werden, wenn uns daraus jener wundersame Uncndlichkcits-