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6 (1855) Vermischte Schriften : zweite Abtheilung
Entstehung
Seite
368
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nach Paris, weniger um Gcld zu erwerben als vielmehr um sich hier einenNamen zu machen, der ihnen in andern Ländern desto reichlicher eine pccuniäreErnte verschafft. Paris dient ihnen als eine Art Annoncenpfahl, wo ihrRuhm in colossalcn Lettern zu lesen, denn eS ist die Pariser Presse, welche ihnder gläubigen Welt verkündet, und jene Virtuosen verstehen sich mit der größ-ten Virtuosität ans die Ausdeutung der Journale und der Journalisten. Siewissen auch dem Harthörigsten schon deizukommen, denn Menschen sind immerMenschen, sind empfänglich für Schmeichelei, spielen auch gern eine Protectorrolle, und eine Hand wäscht die andere; die unreinere ist aber selten die desJournalisten, und selbst der feile Lobhudler ist zugleich ein betrogener Tropf,den man zur Hälfte mit Liebkosungen bezahlt. Man spricht von der Käuf-lichkeit der Presse; man irrt sich sehr. Im Gcgcnthcil, die Presse ist gewöhn-lich düpirt, und dies gilt ganz besonders in Beziehung auf die berühmtenVirtuosen. Berühmt sind sie eigentlich alle, nämlich in den Rcclamcn, die siehöchstselbst oder durch einen Bruder oder durch ihre Frau Mutter zum Druckbefördern. Es ist kaum glaublich, wie dcmllthig sie in den ZeitungSbureanxum die geringste Lobspende betteln, wie sie sich krümmen und winden. AIS ichnoch bei dem Dircctor der (Zaiette rausioalo in großer Gunst stand fach!ich habe sie durch jugendlichen Leichtsinn verscherzt) konnte ich so recht miteignen Augen ansehen, wie ihm jene Berühmten untcrthänig zu Füßen lagenund vor ihm krochen und wedelten, um in seinem Journale ein Bischen gelobtzu werden z und von nnscrn hochgcscicrtcn Virtuosen, die wie siegreiche Für-sten in allen Hauptstädten Europas sich huldigen lassen, könnte man wohl inBcrangcrs Weise sagen, daß auf ihren Lorbcerkroncn noch der Staub vonMoritz Schlesingers Stieseln sichtbar ist. Wie diese Leute auf unsrc Leicht-gläubigkeit speculircn, davon hat man keinen Begriff, wenn man nicht hier anOrt und Stelle die Betriebsamkeit ansieht. Jn dcn Bnreaur der erwähnten musi-kalischen Zeitung begegnete ich einmal einem zerlumpten alten Mann, der sich alsde» Vater eines berühmten Virtuosen ankündigte und die Rcdactorcn des Jour-nals bat, eine Rcclamc abzudrucken, worin einige edle Züge aus dem Kunst-leben seines Sohnes zur Kcnntniß des Publirums gebracht wurden. DerBerühmte hatte nämlich irgendwo in Südfrankreich mit kolossalem Beifall einConccrt gegeben und mit dem Ertrag eine dem Einsturz drohende altgothischcKirche unterstützt; ein andermal hatte er für eine überschwemmte Wittwc ge-spielt, oder auch für einen siebzigjährigen Schulmeister, der seine einzige Kuhverloren, u. s. w. Im länger» Gespräche mit dem Vater jenes Wohlthätcröder Menschheit gestand der Alte ganz naiv, daß sein Herr Sohn freilich nichtso viel für ihn thue, wie er wohl vermochte, und daß er ihn manchmal sogarein klein Bischen darben lasse. Ich möchte dem Berühmten anrathen, aucheinmal für die baufälligen Hosen seines alten Vaters ein Concert zu geben.