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6 (1855) Vermischte Schriften : zweite Abtheilung
Entstehung
Seite
367
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mcntlich mit historischen, obgleich alles Wissen Victor Hngo'S über Zeit nndOrt, wo sein Stück spielt, lediglich aus der französischen Ucbcrsctznng vonSchrcibcr'S Handbuch für Nhcinrcisende geschöpft ist. Hat der Mann, dervor einem Jahr in öffentlicherAcadcmic zu sagen wagte, daß cS mit dem deut-schen Genius ein Ende habe (laxeusösaUemuncko est rontröackansl'ombre),hat dieser größte Adler der Dichtkunst diesmal wirklich die Zcitgcnosscnschaftso allmächtig überflügelt? Wahrlich keineswegs. Sein Werk zeugt wedervon poetischer Fülle noch Harmonie, weder von Begeisterung noch Geistcsfrei-hcit, cS enthält keinen Funken Genialität, sondern nichts als gespreizte Unna-tur und bunte Dcclamation. Eckige Holzfigurcn, überladen mit geschmack-losem Flitterstaat, bewegt durch sichtbare Drähte, ein unheimliches Puppen-spiel, eine grasse, krampfhafte Nachäffung des Lebens; durch nnd durcherlogene Leidenschaft. Nichts ist mir fataler als diese Hugo'schc Leidenschaft,die sich so glühend gcbcrdet, äußerlich so prächtig auflodert, und doch inwendigso armselig nüchtern und frostig ist. Diese kälte Passion, die uns in so flam-menden Redensarten aufgetischt wird, erinnert mich immer an das gebrateneEis, das die Chinesen so künstlich zu bereiten wissen, indem sie kleine Stück-chen Gefrorenes, eingewickelt in einen dünnen Teig, einige Minuten übcrSFeuer halten: ein antithetischer Leckerbissen, den mau schnell verschlucken muß,und wobei man Lippe nnd Zunge verbrennt, den Magen aber erkältet.

Aber die herrschende Bourgeoisie muß ihrer Sünden wegen nicht blos alteklassische Tragödien und Trilogien, die nicht klassisch sind, ausstehen, sonderndie himmlischen Mächte haben ihr einen noch schauderhaften: Kunstgenuß be-schert, nämlich jenes Pianvforte, dem man jetzt nirgends mehr ausweichenkann, das man in allen Häusern erklingen hört, in jeder Gesellschaft, Tagund Nacht. Ja, Pianoforte heißt das Marterinstrument, womit die jetzigevornehme Gesellschaft noch ganz besonders torquirt und gezüchtigt wird füralle ihre Usurpationen. Wenn nur nicht der Unschuldige mit leiden müßte!Diese ewige Clavicrspiclerci ist nicht mehr zu ertragen! (Ach! meine Wand-nachbarinncn, junge Töchter AlbionS, spielen in diesem Augenblick ein bril-lantes Morccau für zwei linke Hände.) Diese grellen Klimpertönc ohnenatürliches Verhallen, diese herzlosen Schwirrklänge, dieses erzprosaischeSchollen: und Picken:, dieses Fortepiano tödtct all unser Denken und Fühlen,nnd wir werden dumm, abgestumpft, blödsinnig. Dieses Ucbcrhandnehmcndes Clavicrspiclcns und gar die Triumphzügc der Claviervirtuoscn sind cha-rakteristisch für unsere Zeit und zeugen ganz eigentlich von dem Sieg desMaschinenwesens über den Geist. Die technische Fertigkeit, die Präcisioneines Automaten, das Jdcntificircn mit dem besaiteten Holze, die tönendeJnstrumentwerdung des Menschen, wird jetzt als das Höchste gepriesen undgefeiert. Wie Hcuschrcckcnschaarcn kommen die Claviervirtuoscn jeden Winter