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6 (1855) Vermischte Schriften : zweite Abtheilung
Entstehung
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tigcr die Stützen zittern, desto weniger schwankt der Thron, »nb der Königbraucht nichts zu furchten eben weil die Furcht ihm Sicherheit giedt. AuchGuizot erhält sich durch die Angst vor der neuen Definition, die er mit seinerscharfen Dialektik so meisterhaft bekämpft, und ich glaube nicht, daß er so baldunterliegt, obgleich die herrschende Partei der Bourgeoisie, für die er so vielgcthan und so viel thut, kein Herz für ihn hat. Warum lieben sie ihn nicht?Ich glaube, erstens weil sie ihn nicht verstehen, und zweitens weil man den-jenigen, der unsere eignen Güter schützt, immer weit weniger liebt, als den-jenigen, der uns fremde Güter verspricht. So war es einst in Athen, so istes jetzt in Frankreich, so wird cS in jeder Demokratie sein, wo daS Wort freiist und die Menschen leichtgläubig.

52.

Paris, den 4. Dcccmbcr t842.

Wird sich Guizot halten? Es hat mit einem französischen Ministeriumganz dieselbe Bewandtniß wie mit der Liebe: man kann nie ein sicheres Ur-theil fällen über seine Stärke und Dauer. Man glaubt zuweilen, das Mi-nisterium wurzle unerschütterlich fest, und siehe! cS stürzt den nächsten Tagdurch einen geringen Windzug. Noch öfter glaubt man, das MinisteriumWackle seinem Untergang entgegen, es könne sich nur noch wenige Wochen aufden Beinen halten, aber zu unserer Verwunderung zeigt es sich alsbald nochkräftiger als früher und überlebt alle diejenige», die ihm schon die Leichenredehielten. Vor vier Wochen, den 23. Oktober, feierte das Gnizot'sche Mini-sterium seinen dritten Geburtstag, es ist jetzt über zwei Jahre alt, und ichsehe nicht ein, warum cS nicht länger leben sollte auf dieser schönen Erde, aufdem Boulevards-des Capucins, wo grüne Bäume und gute Luft. Freilich,gar viele Ministerien sind dort schnell hingerafft worden, aber diese haben ihrfrühes Ende immer selbstverschuldet: sie haben sich zu viel Bewegung gemacht.Ja, was bei uns andern die Gesundheit fördert, die Bewegung, das machtein Ministerium todtkrank, und namentlich der erste März ist daran gestorben.Sie können nicht still sitzen, diese Leutchen. Der öftere Regierungswechsel inFrankreich ist nicht blos eine Nachwirkung der Revolution, sondern auch einErgebniß des Nationalcharakters der Franzosen, denen das Handeln, die Thä-tigkcit, die Bewegung, ein eben so großes Bcdllrfniß ist, wie uns Deutschendas Tabaksrauchcn, das stille Denken und die Gcmllthsruhc; gerade dadurch,daß die französischen Staatslcnkcr so rührig sind und sich beständig etwasNeues zu schaffen machen, gerathcn sie in halsbrcchcnde Verwicklungen. Diesgilt nicht blos von den Ministerien, sondern auch von den Dynastien, die im-