— 332 —
teure, ja als Hauptactcure, in der Ungeheuern Tragödie, die der liebe Gottauf der Erde aufführen laßt. Andere Völker erleben ihre große Bcwegungö-pcriode, ihre Geschichte, nur in der Jugend, wenn sie nämlich ohne Erfahrungsich in die That stürzen; den» später, im reifem Alter, hält das Nachdenkenund das Abwägen der Folgen die Völker wie die Individuen vom raschen Han-deln zurück, und nur die äußere Noth, nicht die eigene Willcnsfreude, treibtdiese Volker in die Arena der Weltgeschichte. Aber die Franzosen behaltenimmer den Leichtsinn der Jugend, und so viel sie auch gestern gcthan und ge-litten, sie denken heute nicht mehr daran, die Vergangenheit erlöscht in ihremGedächtniß, und der neue Morgen treibt sie zu neuem Thun und neuen Leiden.Sie wollen nicht alt werden und sie glauben sich vielleicht die Jugend selbst zuerhalten, wenn sie nicht ablassen von jugendlicher Bethörung, jugendlicherSorglosigkeit und jugendlicher Großmuth! Ja Großmuth, eine fast kindischeGüte im Verzeihen, bildet einen Grundzug des Charakters der Franzosen; aberich kann nicht umhin zu bemerken, daß diese Tugend mit ihren Gebrechen ansdemselben Born, der Vergeßlichkeit, hervorquillt. Der Begriff „Verzeihen"entspricht bei diesem Volke wirklich dem Worte „Vergessen," dem Vergessender Beleidigung. Wäre dies nicht der Fall, es gäbe täglich Mord und Todt-schlag in Paris, wo bei jedem Schritte sich Menschen begegnen, zwischen deneneine Blutschuld cristirt.
Diese charakteristische Gutmllthigkcit der Franzosen äußert sich in diesemAugenblick ganz besonders in Bezug auf Ludwig Philipp, und seine ärgstenFeinde im Volk, mit Ausnahme der Carlistcn, offenbaren eine rührende Thcil-nahme an seinem häuslichen Unglück. Ich möchte behaupten, der König istjetzt wieder populär. Als ich gestern vor Notrc-Damc die Vorbereitungen zurLeichenfeier betrachtete und dem Gespräch der Kurzjackcn zuhörte, die dort ver-sammelt standen, vernahm ich unter andern die naive Aeußerung; der König' könne jetzt ruhig in Paris spazieren gehen und es werde Niemand auf ihnschießen. (Welche Popularität!) Der Tod des Herzogs von Orleans, derallgemein geliebt war, hat seinem Vater die störrigstcn Herzen wiedergewonnen,und die Ehe zwischen König und Volk ist durch das gemeinschaftliche Unglückgleichsam aufs neue eingesegnet worden. Aber wie lange werden die schwar-zen Flitterwochen dauern
S1.
Paris, den (7. September 18)2.
Nach einer vicrwöchcntlichcn Reise bin ich seit gestern wieder hier, und ichgestehe, das Herz jauchzte mir in der Brust, als der Postwagen übrr das ge-