— 316 —
47.
Paris, den 15. Juli 1812.
Meine dunkle Ahnung hat mich leider nicht getäuscht; die trübe Stimmung,die mich seit einigen Tagen fast beugte und mein Auge umflorte, war dasVorgefühl eines Unglücks. Nach dem jauchzenden Ucbcrmuth von vorgesternist gestern ein Schrecken, eine Bestürzung eingetreten, die unbeschreiblich, unddie Pariser gelangen durch eine» unvorhergesehenen Todesfall zur Erkcnntniß,wie wenig die hiesigen Zustände gesichert und wie gefährlich jedes Rütteln.Und sie wollten doch nur ein Bischen rütteln, keineswegs durch allzustarkeStöße das Staatsgebäude erschüttern. Wäre der Herzog von Orleans einigeTage früher gestorben, so hätte Paris keine zwölf Oppositionsdeputirten imGegensatz zu zwei Conservativcn gewählt, uud nicht durch diesen ungeheurenAct die Bewegung wieder in Bewegung gesetzt. Dieser Todesfall stellt allesBestehende in Frage, und es wird ein Glück sein, wenn die Anordnung derRegentschaft, für den Fall des Ablebens des jetzigen Königs, so bald als mög-lich und ohne Störniß von den Kammern bereitsten und beschlossen wird. Ichsage von den Kammern, denn das königliche Hausgcsctz ist hier nicht aus-reichend wie in andern Ländern. Die Discnssionen über die Regentschaftwerden daher die Kammern zunächst beschäftigen und den Leidenschaften Worteleihen. Und geht auch alles ruhig von statten, so steht uns doch ein proviso-risches Interregnum bevor, das immer ein Mißgeschick und ein ganz besondersschlimmes Mißgeschick ist für ein Land, wo die Verhältnisse noch so wackeligsind und eben der Stabilität am meisten bedürfen. Der König soll in seinemUnglück die höchste Charakterstärke und Besonnenheit beweisen, obgleich er schonseit einigen Wochen sehr niedergeschlagen war. Sein Geist ward in der letztenZeit durch sonderbare Ahnungen getrübt. Er soll unlängst an Thiers, vordessen Abreise, einen Brief geschrieben haben, worin er sehr viel vom Sterbensprach, aber er dachte gewiß nur an den eigenen Tod. Der verstorbene Herzogvon Orleans war allgemein geliebt, ja angebetet. Die Nachricht seines Todestraf wie ein Blitz aus Heilerin Himmel und Bctrllbniß herrscht unter allenVolksclassen. Um zwei Uhr gestern Nachmittag verbreitete sich ans der Börse,wo die Fonds gleich um drei Francs fielen, ein dumpfes Unglücksgerllcht. AberNiemand wollte recht daran glaube». Auch starb der Prinz erst um vier Uhr,und der Todesnachricht ward bis um diese Zeit von vielen Seiten wider-sprochen. Noch um fünf Uhr bezweifelte man sie. Als aber um sechs Uhrvor den Theatern ein weißer Papierstreif über die Komödienzettcl geklebt undRelächc angekündigt wurde, da merkte jeder die schreckliche Wahrheit. Wie sieangetänzelt kamen, die geputzten Französinnen, und statt des gehosftcn Schau-