Druckschrift 
6 (1855) Vermischte Schriften : zweite Abtheilung
Entstehung
Seite
342
Einzelbild herunterladen
 

342

nm mag sich in revolutionaircn Zeiten zwar als nützlich herausstellen, wirdaber immer eine Ungerechtigkeit bleiben. In dieser Beziehung gewährt »nSeine große Lehre das Leben eines Tracy, eines Rochefoucauld, eines d'Ar-gcnson, eines Lafayette und ähnlicher Ritter der Volksrcchte.

Gerade, unbeugsam und schneidend, wie einst sein Schwert, war der Geistdes Destutt de Tracy, als er sich später in jene materialistische Philosophiewarf, die in Frankreich durch Condillac zur Herrschaft gelangte. Letztererwagte nicht die letzten Konsequenzen dieser Philosophie auszusprechen, und wiedie meisten seiner Schule ließ er dem Geiste immer noch ein abgeschiedenesWinkclchen im Nniversalreichc der Materie. Destutt de Tracy aber hat demGeiste auch dieses letzte Rcfugium aufgekündigt, und seltsam! zu derselbenZeit wo bei uns in Deutschland der Idealismus auf die Spitze getrieben unddie Materie geläugnct wurde, erklomm in Frankreich das materialistischePriucip seinen höchste» Gipfel und mau läugnctc hier den Geist. Destutt deTracy war sozusagen der Fichte dcS Materialismus.

Es ist ein merkwürdiger Umstand, daß Napoleon gegen die philosophischeCoterie, wozu Tracy, Cabanis und Cousortcn gehörten, eine so besorglicheAbneigung hegte und sie mitunter sehr streng behandelte. Er nannte sieIdeologen und er empfand eine yagc, schier abergläubische Furcht vor jenerIdeologie, die doch nichts anderes war als der schäumende Aufguß der mate-rialistischen Philosophie; diese hatte freilich die größte Umwälzung gefördertund die schauerlichsten Zerstörungskräfte offenbart, aber ihre Mission war voll-bracht und also auch ihr Einfluß beendigt. Bedrohlicher und gefährlicher warjene entgegengesetzte Doctrin, die unbeachtet in Deutschland emportauchte undspäterhin so viel beitrug zum Sturz der französischen Gewaltherrschaft. ESist merkwürdig, daß Napoleon auch in diesem Fall nur die Vergangenheit be-griff und für die Zukunft weder Ohr noch Auge hatte. Er ahnte einen ver-derblichen Feind im Reich des Gedankens, aber er suchte diesen Feind unteralten Perücken, die noch vom Puder des achtzehnten Jahrhunderts stäubten;er suchte ihn unter französischen Greisen, statt unter der blonden Jugend derdeutschen Hochschulen. Da war unser Vierfürst Herodcs viel gescheidtcr alser die gefährliche Brut in der Wiege verfolgte und den Kindermord befahl.Doch auch ihm fruchtete nicht viel die größere Pfiffigkeit, die an dem Willender Vorsehung zu Schanden wurde seine Schergen kamen zu spät, dasfurchtbare Kind war nicht mehr in Bethlehem, ein treues Esclein trug es ret-tend nach Aegypten. Ja, Napoleon besaß Scharfblick mir für Auffassungder Gegenwart oder Würdigung der Vergangenheit, und er war stockblind fürjede Erscheinung, worin sich die Zukunft ankündigte. Er stand auf demBalcon seines Schlosses zu Saint-Cloud, als das erste Dampfschiff dort aus