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6 (1855) Vermischte Schriften : zweite Abtheilung
Entstehung
Seite
340
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brauche ich nichts zu meiden; genug, die Italiener sangen. Der Saal deritalienischen Oper schien der Vorhof des Himmels; dort schluchzten heiligeNachtigallen und flössen die fashionabelsten Thränen. Auch die France mn-sicalc gab in ihren Conccrtcn den größten Theil des Stabat, und wie sich vonselbst versteht mit ungeheurem Beifall. In diesen Conccrtcn hörten wirauch den Paulus des Herrn Felix Mcndclssohn-Bartholdp, der durch dieseNachbarschaft eben unsere Aufmerksamkeit in Anspruch nahm und die Vcr-gleichung mit Rossini von selber hervorrief. Bei dem großen Publicum ge-reichte diese Vcrglcichung keineswegs zum Vorthcil unseres jungen Lands-manns : es ist auch als vergliche man die Apenninen Italiens mit dem Tcm-plowcr Berg bei Berlin. Aber der Templowcr Berg hat darum nicht wenigerVerdienste, und den Rcspect der großen Menge erwirbt er sich schon dadurch,daß er ein Kreuz aus seinem Gipfel trägt.Unter diesem Zeichen wirst dusiegen." Freilich nicht in Frankreich, dem Lande der Ungläubigkeit, wo HerrMendelssohn immer Fiasco gemacht hat. Er war das geopferte Lamm derSaison, während Rossini der musikalische Lowe war, dessen süßes Gebrüllnoch immer forttönt. Es heißt hier, Herr Felix Mendelssohn werde dieserTage persönlich nach Paris kommen. So viel ist gewiß, durch hohe Ver-wendung und diplomatische Bemühungen ist Herr Leon Pillet dahin gebrachtworden, ein Libretto von Scribe anfertigen zu lassen, das Herr Mendelssohnfür die große Oper componircn soll. Wird unser junger Landsmann sichdiesem Geschäft mit Glück unterziehen? Ich weiß nicht. Seine künstlerischeBegabniß ist groß; doch hat sie sehr bedenkliche Grenzen und Lücken. Ichfinde in talentlicher Beziehung eine große AehnUchkcit zwischen Herrn FelixMendelssohn und der Madcmoisclle Rachel Felix, der tragischen Künstlerin.Eigcnthümlich ist beiden ein großer, strenger, sehr ernsthafter Ernst, ein ent-schiedenes, beinahe zudringliches Anlehnen an classische Muster, die feinste,geistreichste Berechnung, Verstandesschärfe und endlich der gänzliche Mangelan Naivetät. Giebt es aber in der Kunst eine geniale Ursprünglichkcit ohneNaivetät? Bis jetzt ist dieser Fall noch nicht vorgekommen.

44.

Paris, den 2. Juni 1842.

Die ^.onckömio ckos sllieucsZ moralss et politigues hat sich nicht blamircnwollen, und in ihrer Sitzung vom 28. Mai prorogirte sie bis 1844 die Krö-nung des besten Uxnmsn eritigns cle In xlUIosoxkis allemnncke. Unterdiesem Titel hatte sie nämlich eine Preisausgabe angekündigt, deren Lösungnichts Geringeres beabsichtigte als eine beurtheilende Darstellung der deutschen