Der Himmel bewahre mich, gegen einen so verdienstvollen Meister wie derVerfasser des Paulus hierdurch einen Tadel aussprechen zu wollen, und amallerwenigsten wird es dem Schreiber dieser Blätter in den Sinn kommen, ander Christlichkcit des erwähnten Oratoriums zu mäkeln, weil Felix McndclS-sohn-Bartholdy von Geburt ein Jude ist. Aber ich kann doch nicht unterlas-sen darauf hinzudeuten, daß in dem Alter, wo Herr Mendelssohn in Berlindas Christcnthum anfing (er wurde nämlich erst in seinem dreizehnten Jahrgetauft), Rossini es bereits verlassen und sich ganz in die Wcltlichkcit derOpcrnmusik gestürzt hatte. Jetzt, wo er diese wieder verließ und sich zurück-träumtc in seine katholischen Jugendcrinnerungen, in die Zeiten, wo er imDom zu Pcsars als Chorschülcr mitsang, oder als Nkoluth bei der Messe fun-girte — jetzt, wo die alten Orgeltöne wieder in seinem Gedächtniß aufrausch-ten und er die Feder ergriff, um ein Stabat zu schreiben! da brauchte erwahrlich den Geist des Christenthums nicht erst wissenschaftlich zu construiren,noch viel weniger Händel oder Sebastian Bach sklavisch zu copircn; er brauchtenur die frühesten Kindheitsklänge wieder aus seinem Gemiith hervorzurufenund, wunderbar! so ernsthaft, so schmcrzcntief auch diese Klänge ertönen, sogewaltig sie auch das Gewaltigste ausscufzcn und ausbluten, so behielten siedoch etwas Kindheitlichcs und mahnten mich an die Darstellung der Passiondnrch Kinder, die ich in Ccttc gesehen. Ja, an diese kleine fromme Mum-mcrei mußte ich unwillkürlich denken, als ich der Aufführung des Stabat vonRossini zum erstenmal beiwohnte: das ungeheure erhabene Martyrium wardhier dargestellt, aber in den naivsten Jugcndlauten, die furchtbaren Klagen derMater Dolorosa ertönten, aber wie auS unschuldig kleiner Mädchcnkchle,neben den Flörcn der schwärzesten Trauer rauschten die Flügel aller Amoret-ten der Nnmuth, die Schrecknisse des Kreuztodcs waren gemildert wie vontändelndem Schäfcrspicl, und das Gefühl der Unendlichkeit umwogte und um-schloß das Ganze wie der blaue Himmel, der auf die Proccssion von Ccttchcrablcnchtctc, wie das blaue Meer, an dessen Ufer sie singend und klingenddahinzog! Das ist die ewige Holdseligkeit des Rossini, seine unverwüstlicheMilde, die kein Jmprcssario und kein Marchand-de-Musique zu Grund är-gern konnte oder auch nur zu trüben vermochte! Wie schnöde, wie abgefeimttückisch ihm auch oftmals mitgespielt wurde im Leben, so finden wir doch inseinen musicalischen Productcn nicht eine Spur von Galle. Gleich jenerQuelle Arcthusa, die ihre ursprüngliche Süßigkeit bewahrte, obgleich sie diebittcrn Gewässer des Meeres durchzogen, so behielt auch das Herz Nossini'Sseine melodische Lieblichkeit und Süße, obgleich cS auö allen Wcrmnthskelchendieser Welt hinlänglich gekostet.
Wie gesagt, das Stabat des großen Maestro war dieses Jahr die vor-herrschende musikalische Begebenheit. Uebcr die erste tonangebende Exemtion