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6 (1855) Vermischte Schriften : zweite Abtheilung
Entstehung
Seite
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gestanden. Sollte man es aber glauben, dieser Anblick erregte in der Seeledes Zuschauers die crnstvoll andächtigsten Gefühle, und daß kleine unschul-dige Kinder waren, die das größte kolossalste Martprthum tragirten, wirkteum so rührender! Das war keine Nachäffung im historischen Großstil, keineschiefmäulige Frommthuerei, kcineBcrliner Glaubensliige: das war der naivsteAusdruck des tiefsinnigsten Gedankens, und die herablassend kindliche Formverhinderte eben, daß der Inhalt vernichtend auf unser Gemllth wirkte, odersich selbst vernichtete. Dieser Inhalt ist ja von so ungeheuerlicher Schmer-zcnsgewalt und Erhabenheit, daß er die heroisch-grandioseste und pathetischausgerccktcste Darstcllnngsart überragt und sprengt. Deshalb haben diegrößten Künstler sowohl in der Malerei als in der Musik die übcrschwänglichcnSchrecknisse der Passion mit so viel Blumen als möglich verlieblicht und denblutigen Ernst durch spielende Zärtlichkeit gemildert und so that auch Ros-sini, als er sein Stabat Mater componirte.

Letzteres, das Stabat von Rossini, war die hervorragende Merkwürdigkeitder hingeschiedenen Saison, die Besprechung desselben ist noch immer an derTagesordnung, und eben die Rügen, die von norddeutschem Standpunkt ausgegen den großen Meister laut werben, beurkunden recht schlagend die Ur-sprünglichkcit und Tieft seines Genius. Die Behandlung sei zu weltlich, zusinnlich, zu spielend für den geistlichen Stoff, sie sei zu leicht, zu angenehm, zuunterhaltend so stöhnen die Klagen einiger schweren, langweiligen Kri-tikaster, die wenn auch nicht absichtlich eine übertriebene Spiritualität erheu-cheln, doch jedenfalls von der heiligen Musik sehr beschränkte, sehr irrigeBegriffe sich angequält. Wie bei den Malern, so herrscht auch bei den Mu-sikern eine ganz falsche Ansicht über die Behandlung christlicher Stoffe. Jeneglauben, das wahrhaft Christliche müsse in subtilen magern Contourcn undso abgehärmt und farblos als möglich dargestellt werden; die Zeichnungen vonOverbeck sind in dieser Beziehung ihr Ideal. Um dieser Verblendung durcheine Thatsache zu widersprechen, mache ich nur auf die Heiligenbilder der spa-nischen Schule aufmerksam; hier ist das Volle der Contourcn und der Farbevorherrschend, und es wird doch Niemand läugnen, daß diese spanischen Ge-mälde das ungeschwächteste Christcnthum athme» und ihre Schöpfer gewißnicht minder glaubenstrunkcn waren, als die berühmten Meister, die in Romzum KatholicismuS übergegangen sind, um mit unmittelbarer Inbrunst malenzu können. Nicht die äußere Dürre und Blässe ist ein Kennzeichen des wahr-haft Christlichen in der Kunst, sondern eine gewisse innere Ucbcrschwänglichkeit,die weder angetauft noch anstudirt werden kann in der Musik wie in der Ma-lerei, und so finde ich auch das Stabat von Rossini wahrhaft christlicher alsden Paulus, das Oratorium von Felix Mendelssohn-Bartholdp, das von denGegnern Nossini's als ein Muster der Christenthümlichkcit gerühmt wird.