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6 (1855) Vermischte Schriften : zweite Abtheilung
Entstehung
Seite
325
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Paris, den 23. December 1841.

Von der cl'cn eröffneten Deputirtcnkamincr erwarte ich nicht viel Erquick-liches. Da werden wir nichts sehen als lauter Klcingczänkc, Pcrsoncnhadcr,Unmacht, wo nicht gar endliche Stockung. In der That, eine Kammer mußcompacte Partcimasscn enthalten, sonst kann die ganze parlamentarische Ma-schine nicht fnngiren. Wenn jeder Deputirte eine besondere, abweichende,isolirte Meinung zu Markte bringt, wird nie ein Votum gefällt werden, dasman nur einigermaßen als Ausdruck eines GcsammtwillcnS betrachten konnte,und doch ist es die wesentlichste Bedingung des RepräsentativsystcmS, daß einsolcher Gesammtwille sich beurkunde. Wie die ganze französische Gesellschaft,so ist auch die Kammer in so viele Spaltnngcn und Splitter zerfallen, daß hierkeine zwei Menschen mehr in ihren Ansichten ganz übereinstimmen. Betrachteich in dieser politischen Beziehung die jetzigen Franzosen, so erinnere ich michimmer der Worte unseres wohlbekannten Adam Gurowski, der den deutschenPatrioten jede Möglichkeit des Handelns absprach, weil unter zwölf Deutschensich immer vicrnndzwanzig Parteien befanden: denn bei unserer Vielseitigkeitund Gewissenhaftigkeit im Denken habe jeder von uns auch die entgegengesetzteAnsicht mit allen Ncbcrzcugungsgriindcn in sich aufgenommen, und es befän-den sich daher zwei Parteien in einer Person. Dasselbe ist jetzt bei den Fran-zosen der Fall. Wohin aber fuhrt diese Zersplitterung, diese Auflösung allerGcdankcnbande, dieser ParticularismuS, dieses Erlöschen alles Gcmcingcistcs,welches der moralische Tod eines Volks ist? Der Cultus der materiellenInteressen, des Eigennutzes, des Geldes, hat diesen Zustand bereitet. Wirddieser lange währen, oder wird Wohl plötzlich eine gewaltige Erscheinung, eineThat des Zufalls oder ein Unglück, die Geister in Frankreich wieder verbin-den ? Gott verläßt keinen Deutsche», aber auch keinen Franzosen, er verläßtüberhaupt kein Volk, und wenn ein Volk aus Ermüdung oder Faulheit ein-schläft, so bestellt er ihm seine künftigen Wecker, die, verborgen in irgend einerdunkeln Abgeschiedenheit, ihre Stunde erwarten, ihre aufrüttelnde Stunde.Wo wachen die Wecker? Ich habe manchmal darnach geforscht und gcheim-nißvoll deutete man alsdann auf die Armee! Hier in der Armee, heißtes, gebe es noch ein gewaltiges Nationalbewußtsein; hier, unter der dreifar-bigen Fahne, hätten sich jene Hochgefühle hingcflüchtct, die der regierendeJndnstrialismuö vertreibe und verhöhne; hier blühe noch die genügsame Bür-gcrtugcnd, die unerschrockene Liebe für Großthat und Ehre, die Flammcn-fähigkcit der Begeisterung; während überall Zwietracht und Fäulniß, lebe hiernoch das gesündeste Leben, zugleich ein angewöhnter Gehorsam fürdie Autori-

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