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6 (1855) Vermischte Schriften : zweite Abtheilung
Entstehung
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Alterthnm in sich zu verarbeiten wußte. Hier sehen wir nicht, wie in derDavid'schcn Schule, eine akademisch trockene Nachahmung der griechischenPlastik, sondern eine flüssige Verschmelzung derselben mit dem christlichen Spi-ritualismus. In den Kunst- und Lcbcnsgestaltungcn, die der Vermählungjener heterogensten Elemente ihr abenteuerliches Dasein verdankten, liegt ein sosüßer melancholischer Witz, ein so ironischer VersöhnungSkuß, ein blühenderllcbermuth, ein elegantes Grauen, das uns unheimlich bezwingt, wir wissennicht wie.

Doch wie wir heute die Politik den Kannegießern von Profession überlassen,so überlassen wir den patcntirtcn Historikern die genauere Nachforschung, inwelchem Grad unsere Zeit mit der Zeit der Renaissance verwandt ist; und alsechte Flaneurs wollen wir auf dem Boulevard Montmartre vor einem Bildestehen bleiben, das dort die Herren Gonpil und Rittner ausgestellt haben, unddas gleichsam als der Kupferstich-Löwe der Saison alle Blicke auf sich zieht.ES verdient in der That diese allgemeine Aufmerksamkeit: es sind die Fischervon Leopold Robert, die dieser Kupferstich darstellt. Seit Jahr und Tagerwartete man denselben, und er ist gewiß eine köstliche Wcihnachtsgabe fürdas große Publikum, dem das Originalbild unbekannt geblieben. Ich ent-halte mich aller detaillirtcn Beschreibung dieses Werks, da cS in kurzem ebenso bekannt sein wird wie die Schnitter desselben Malers, wozu es ein sinn-reiches und anmuthigcs Scitcnstück bildet. Wie dieses berühmte Bild einesommerliche Campagne darstellt, wo römische Landlcute gleichsam auf einemSicgeswagcn mit ihrem Erntcscgcn heimziehen, so sehen wir hier, auf demletzten Bild von Robert, als schneidendsten Gegensatz, den kleinen winterlichenHafen von Chioggia und arme Fischerleute, die, um ihr kärgliches Tagesbrodzu gewinnen, trotz Wind nnd Wetter sich eben anschicken zu einer Ausfahrtins adriatischc Meer. Weib und Kind und die alte Großmutter schauen ihnennach mit schmerzlicher Resignation gar rührende Gestalten, bei deren An-blick allerlei polizeiwidrige Gedanken in unserm Herzen laut werden. Dieseunseligen Menschen, die Leibeigenen der Armuth, sind zu lebenslänglicherMühsal verdammt nnd verkümmern in harter Noth und Betrllbniß. Einmelancholischer Fluch ist hier gemalt, und der Maler, sobald er das Gemäldevollendet hatte, schnitt er sich die Kehle ab. Armes Volk! armer Robert!Ja, wie die Schnitter dieses Meisters ein Werk der Freude sind, das er imrömischen Sonnenlicht der Liebe empfangen und ausgeführt hat, so spiegelnsich in seinen Fischern alle die Selbstmordgedanken nnd Hcrbstncbcl, die sich,während er in der zerstörten Venczia hauste, über seine Seele lagerten. Wieuns jenes crstere Bild befriedigt und entzückt, so erfüllt uns dieses letztere mitcmpöruugssüchtigem llnmuth: dort malte Robert das Glück der Menschheit,hier malte er das Elend des Volks.