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6 (1855) Vermischte Schriften : zweite Abtheilung
Entstehung
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statt ihm durch tägliches Ncrgcl» dieses Logis zu »erleiden oder gar ihn hinauszu intriguiren. An Eurer Stelle hätte ich immer Angst, er möchte den glän-zenden Quälnisscu seines Ministcrplatzes plötzlich entspringen und sich wiederhiuausrcttcu in sein stilles Gclchrtcnstübchcn der Rue Lcveque, wo er einst soidyllisch glücklich lebte unter seinen schafledcrncn und kalbledernen Büchern.

Ist aber Guizot wirklich der Mann, der im Stande wäre, das herein-brechende Verderben abzuwenden? Es vereinigen sich in der That bei ihm diesonst getrennten Eigenschaften der tiefsten Einsicht und des festen Willens: erwürde mit einer antiken Uucrschüitcrlichkeit allen Stürmen Trotz bieten undmit modernster Klugheit die schlimmen Klippen vermeiden adcr der stilleZahn der Mäuse hat den Boden des französischen StaatSschiffcs allzusehrdurchlöchert, und gegen diese innere Noth, die weit bedenklicher als die äußere,wie Guizot sehr gut begriffen, ist er unmächtig. Hier ist die Gefahr. Diezerstörenden Doktrinen haben in Frankreich zu sehr die unteren Classcn er-griffen cS handelt sich nicht mehr um Gleichheit der Rechte, sondern umGleichheit des Genusses auf dieser Erde, und es giebt in Paris etwa 4öö,iMrohe Fäuste, welche nur des Losungsworts harren, um die Idee der absolutenGleichheit zu verwirklichen, die in ihren rohen Köpfen brütet. Von mehrenSeiten hört mau, der Krieg sei ein gutes Ableitungsmittcl gegen solchen Zcr-störungsstoff. Aber hieße das nicht Satan durch Beelzebub beschwören? DerKrieg würde nur die Katastrophe beschleunigen und Uber den ganzen Erdbodendas Ucbel verbreite», das jetzt nur an Frankreich nagt; die Propaganda desCommunismuS besitzt eine Sprache, die jedes Volk versteht: die Elementedieser Universalsprachc sind so einfach, wie der Hunger, wie der Neid, wie derTod. DaS lernt sich so leicht!

Doch laßt uns dieses trübe Thema verlasse» und wieder zu den heiternGegenständen übergehen, die hinter den Spicgclfenstcrn aus der Rue Vivicuueoder den Boulevards ausgestellt sind. Das funkelt, daS lacht und lockt!Keckes Leben, ausgesprochen in Gold, Silber, Bronze, Edelstein, in allenmöglichen Formen, namentlich in den Formen aus der Zeit der Renaissance,deren Nachbildung in diesem Augenblick eine herrschende Mode. Woher dieVorliebe für diese Zeit der Renaissance, der Wiedergeburt oder vielmehr derAuferstehung, wo die antike Welt gleichsam aus dem Grabe stieg, um demsterbenden Mittelalter seine letzten Stunden zu verschönen? Empfindet unsreJetztzeit eine Wahlverwandtschaft mit jener Periode, die, ebenso wie wir, inder Vergangenheit eine verjüngende Quelle suchte, lechzend nach frischemLcbcuStrank? Ich weiß nicht, aber jene Zeit Franz I. und seiner Geschmacks-gcnosscn übt auf unser Gcmüth einen fast schauerlichen Zauber, wie Erinne-rung von Zuständen, die wir im Traum durchlebt; und dann liegt ein unge-mein origineller Reiz in der Art und Weise, wie jene Zeit das wiedergefundene

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