Druckschrift 
6 (1855) Vermischte Schriften : zweite Abtheilung
Entstehung
Seite
308
Einzelbild herunterladen
 

308

er selber nie vergessen, daß sein LebcnSfadcn sehr schlapp und die Schere derParze desto schärfer ist. Möge er nie vergessen, welche bohc Interessen sich anseine Sclbstcrhaltnng knüpfen. Was soll ans seinem Ruhme werden, wenner selbst, der hochgefcicrte Meister, was der Himmel noch lange verhüte, plötz-lich dem Schauplatz seiner Triumphe durch den Tod entrissen würde? Wirdihn die Familie fortsetzen, diesen Ruhm, worauf ganz Deutschland stolz ist?An materiellen Mitteln würde es der Familie gewiß nicht fehlen, wohl aberan intellektuellen Mitteln. Nnr der große Giacomo selbst, der nicht bloSGeneralmusikdircctor aller Königl. Prcuß. Musikanstalten, sondern auch derCapellcnmeistcr des Meperbccr'schen Ruhmes ist, nur Er kann das ungeheureOrchester dieses Ruhmes dirigiren. Er nickt mit dem Haupt, und alle Po-saunen der großen Journale ertönen unisono; er zwinkert mit den Augen,und alle Violinen des Lobes fiedeln um die Wette; er bewegt nur leise denlinken Nasenflügel, und alle Feuilleton-Flageolette flöten ihre süßesten Schmci-chcllaute. Da giebt es auch unerhörte, autrdiluvianischc Blasinstrumente,Jcrichotrompetcn und noch «»entdeckte Windharfen, Saiteniustrumcute derZukunft, deren Anwendung die außerordentlichste Bcgabniß für Instrumen-tation bekundet. Ja, in so hohem Grade wie unser Mcvcrbeer verstand sichnoch kein Componist auf die Instrumentation, nämlich auf die Kunst, allemöglichen Menschen als Instrumente zu gebrauchen, die kleinsten wie diegrößten, und durch ihr Zusammenwirken eine Ucbercinstimmung in der öffent-lichen Anerkennung, die ans Fabelhafte grenzt, hervorzuzaubern. Das hatkein Andrer jemals verstanden. Während die besten Opern von Mozart undRossini bei der ersten Vorstellung durchfielen, und erst Jahre vergingen, chesie wahrhaft gewürdigt wurden, finden die Meisterwerke unsreS edlen Mcpcr-beer bereits bei der ersten Aufführung den ungetheiltcstcn Beifall, und schonden andern Tag liefern sammtliche Journale die verdienten Lob- und Prcis-artikel. Das geschieht durch das harmonische Zusammenwirken der Instru-mente; in der Melodie muß Meyerbcer den beiden genannten Meistern nach-stehen, aber er überflügelt sie durch Instrumentation. Der Himmel weiß,daß er sich oft der niederträchtigsten Instrumente bedient; aber vielleicht ebendurch diese bringt er die großen Effecte hervor auf die große Menge, die ihnbewundert, anbetet, verehrt und sogar achtet. Wer kann das Gegcnthcilbeweisen? Von allen Seiten fliegen ihm die Lorbeerkränze zu, er trägt ausdem Haupte einen ganzen Wald von Lorbeeren, er weiß sie kaum mehr zulassen und keucht unter dieser grünen Last. Er sollte sich einen kleinen Eselanschaffen, der hinter ihm her trottircnd ihm die schweren Kränze nachtrüge.Aber Gouin ist eifersüchtig, und leidet nicht, daß ihn ein Anderer begleite.

Ich kann nicht umhin hier ein geistreiches Wort zu erwähnen, das man demMusiker Ferdinand Hilter zuschreibt. Als nämlich jemand denselben darüber