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6 (1855) Vermischte Schriften : zweite Abtheilung
Entstehung
Seite
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Was dieses letztere Mißgeschick betrifft, so mochte ich der verehrten Sänge-rin zu ihrem Tröste versichern, daß cS eben ihre Vorzüge waren, die einemfranzösischen Succcß im Wege standen. In der Stimme der Mlle. Lowe istdeutsche Seele, ein stilles Ding, das sich bis jetzt nur wenigen Franzosen offen-bart hat und in Frankreich nur allmählich Eingang findet. Wäre Mlle. Löweeinige Dcccnnicn später gekommen, sie hätte vielleicht größere Anerkennunggefunden. Bis jetzt aber ist die Masse des Volks noch immer dieselbe. DieFranzosen haben Geist nnd Passion, und beides genießen sie am liebsten ineiner unruhigen, stürmischen, gehackten, aufreizenden Form. Dergleichenvermißten sie aber ganz und gar bei der deutschen Sängerin, die ihnen nochobendrein die BecthovcnscheAdelaide" vorsang. Dieses ruhige Nusscufzcndes GcmllthcS, diese blauäugigen, schmachtenden WaldcinsamkcitStöne, diesegesungenen Lindcnblüthcn mit obligatem Mondschein, dieses Hinsterben inüberirdischer Sehnsucht, dieses crzdcutsche Lied, fand kein Echo in französischerBrust, und ward sogar als tranSrhcnanische Seusiblerci vcrspöttelt.

Obgleich Mlle. Löwe hier keinen Beifall fand, geschah doch alles Mögliche,um ihr ein Engagement für die Aradcmic royale de Musigue auszuwirken.Der Name Mcpcrbccr wurde bei dieser Gelegenheit aufdringlicher in Anschlaggebracht, als es dem verehrten Meister wohl lieb sein möchte. Ist es wahr,wollte Mcpcrbccr seine neue Oper nicht zur Aufführung geben, im Falle mandie Löwe nicht cngagirtc? Hat Meyerbccr wirklich die Erfüllung der Wünschedes Publicums an eine so kleinliche Bedingung geknüpft? Ist er wirklich soübcrbcschcidcn, daß er sich einbildet, der Erfolg seines neuen Werks sei abhän-gig von der mehr oder minder geschmeidigen Kehle einer Prima Donna?

Die zahlreichen Verehrer und Bewunderer des bewunderungswürdigenMeisters sehen mit Betrübniß, wie der Hochgcfcicrte bei jeder neuen Produc-tion seines Genius sich mit der Sicherstcllung des Erfolgs so unsäglich abmüht,und an das winzigste Detail desselben seine besten Kräfte vergeudet. Seinzarter, schwächlicher Körperbau muß darunter leiden. Seine Nerven werdenkrankhaft überreizt, und bei seinem chronischen UntcrleibSlcidcn wird er oft vonder herrschenden Cholcrinc heimgesucht. Der Gcistcshonig, der aus seinenmusikalischen Meisterwerken träufelt und nuS erquickt, kostet dem Meister selbstdie furchtbarsten LcibcSschmcrzcn. Als ich das letzte Mal die Ehre hatte, ihnzu sehen, erschrak ich über sein miserables Aussehen. Bei seinem Anblickdachte ich an den Diarrhöen-Gott der tartarischcn VolkSsagc, worin schauder-haft drollig erzählt wird, wie dieser bauchgrimmigc Kakodämon auf dem Jahr-märkte von Kasan einmal zu seinem eigenen Gebrauche sechstausend Töpfekaufte, so daß der Töpfer dadurch ein reicher Mann wurde. Möge der Him-mel unscrm hochverehrten Meister eine bessere Gesundheit schenken, nnd möge