Druckschrift 
6 (1855) Vermischte Schriften : zweite Abtheilung
Entstehung
Seite
301
Einzelbild herunterladen
 

301

stchcn, versichern uns, daß die Schwalben dcS Friedens in seinem Lächelnnisten, daß jede Kriegsbcsorgniß anS seinem Gesichte verschwunden, daß inseinen Augen keine elektrischen Gewittcrfünkchcn sichtbar seien, und daß alsodas entsetzliche Kanonendonnersvettcr, das die ganze Welt bedrohte, sich gänz-lich verzogen habe. Er niese sogar den Frieden. Es ist wahr, als ich dasletzte Mal die Ehre hatte, Herrn v. Rothschild meine Aufwartung zu machen,strahlte er vom erfreulichsten Wohlbehagen, und seine rosige Laune ging fastüber in Poesie; denn, wie ich schon einmal erzählt, in solchen heitern Momen-ten pflegt der Herr Baron den Redefluß sciues Humors in Reime» ausströ-men zu lassen. Ich fand, daß ihm das Reimen diesmal ganz besonders ge-lang; nur aufKonstantinopcl" wußte er keinen Reim zu finden, und erkratzte sich an dem Kopf, wie alle Dichter thun, wenn ihnen der Reim fehlt.Da ich selbst auch ein Stuck Poet bin, so erlaubte ich mir, dem Herrn Baronzu bemerken, ob sich nicht aufKonstantinopcl" ein russischerZobel" reimenließe? Aber dieser Reim schien ihm sehr zu mißfallen, er behauptete, Englandwürde ihn nie zugeben, und eS konnte dadurch ein europäischer Krieg entstehen,welcher der Welt viel Blut und Thräncn und ihm selber ein Menge Geldkosten würde.

Herr von Rothschild ist in der That der beste politische Thermometer; ichwill nicht sagen Wettcrfrosch, weil das Wort nicht hinlänglich rcspectvollklänge. Und man muß doch Ncspcct vor diesem Manne haben, sei es auchnur wegen des NcspcctcS, den er den meisten Leuten einflößt. Ich besuche ihnam liebsten in den Burcaux seines Comptoirs, wo ich als Philosoph beobachtenkann, wie sich das Volk und nicht blos das Volk Gottes, sondern auch alleandern Völker vor ihm beugen und bücken. Das ist ein Krümmen und Win-den des Niickgrads, wie es selbst dem besten Akrobaten schwer fiele. Ich sahLeute, die, wenn sie dem großen Baron nahten, zusammenzuckten, als berühr-ten sie eine voltaische Säule. Schon vor der Thür seines CabinetS ergreiftViele ein Schauer der Ehrfurcht, wie ihn einst Moses auf dem Horcb empfun-den, als er merkte, daß er auf dem heiligen Boden stand. Ganz so wie Mosesalsbald seine Schuhe auszog, so würde gewiß mancher Mäkler oder Agent deChange, der das Privatcabinct des Herrn von Rothschild zu betreten wagt,vorher seine Stiefel ausziehen, wenn er nicht fürchtete, daß alsdann seine Füßenoch übler riechen und den Herrn Baron dieser Mistduft incommodircn dürfte.Jenes Privatcabinct ist in der That ein merkwürdiger Ort, welcher erhabeneGedanken und Gefühle erregt, wie der Anblick des Weltmeeres oder des ge-stirnten Himmels! wir sehen hier, wie klein der Mensch und wie groß Gottist! Denn das Geld ist der Gott unserer Zeit und Rothschild ist sein Prophet.

Vor mehreren Jahren, als ich mich einmal zu Herrn von Rothschild begebenwollte, trug eben ein galonirtcr Bedienter das Nachtgeschirr desselben über den

Heine. VI. 26