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6 (1855) Vermischte Schriften : zweite Abtheilung
Entstehung
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stellen diese sogenannte fatalistische Schale ist in Frankreich ganz an ihremPlay, nnd ihre Bücher sind eben so wahrhaft wie lcichtfaßlich. Die An-schanungS-und Darstcllungöwcise dieser Schriftsteller, angewendet anfDcutsch-land, würde jedoch sehr irrthumrcichc nnd nndrauchdare GcschichtSwerkc her-vordringen. Denn der Deutsche, aus Scheu vor aller Neuerung, deren Fol-gen nicht klar zu ermitteln sind, geht jeder bedeutenden politischen Frage solange wie möglich aus dem Wege, oder sucht ihr durch Umwege eine noth-dürftige Vermittlung abzugewinnen, und die Fragen häufen nnd verwickeln sichunterdessen bis zu jenem Knäuel, welcher am Ende vielleicht, wie jener gor-dische, nur durch das Schwert gelöst werden kann. Der Himmel behüte mich, demgroßen Volk der Deutschen hiermit einen Vorwurf machen zu wollen! Weißich doch, daß jener Mißstand aus einer Tugend hervorgeht, die den Franzosenfehlt. Je unwissender ein Volk, desto leichter stürzt es sich in die Strömungder That; je wissenschaftsrcichcr und nachdenklicher ein Volk, desto länger son-dirt es die Fluth, die es mit klugen Schritten durchwatet, wenn es nicht garzögernd davor stehen bleibt, aus Furcht vor verborgenen Untiefen oder vor dererkältenden Nässe, die einen gefährlichen Nationalschnupfen verursachen könnte.Am Ende ist auch wenig daran gelegen, daß wir solchermaßen nur langsamfortschreiten oder durch Stillstand einige Hundert Jährchcn verlieren, denndem deutschen Volk gehört die Zukunft, und zwar eine sehr lange, bedeutendeZukunft. Die Franzosen handeln so schnell und handhaben die Gegenwartmit solcher Eile, weil sie vielleicht ahnen, daß für sie die Dämmerung heran-bricht: hastig verrichten sie ihr Tagwerk. Aber ihre Nolle ist noch immerziemlich schön, nnd die übrigen Völker sind doch nur das vcrehrungSwürdigcPublicum, das der französischen Staats- nnd Völkskomödie zuschaut. Die-ses Publicum freilich wandelt zuweilen das Gelüste an, ein Bischen laut seine»Beifall oder Tadel auszusprechen, wo nicht gar auf die Scenc zu steigen undmitzuspielen; aber die Franzosen bleiben doch immer die Hauptactenrs im gro-ßen Wcltdrama, man mag ihnen Lorbeerkränze oder faule Acpfcl an den Kopfwerfen.Mit Frankreich ist es aus" mit diesen Worten läuft hier man-cher deutsche Correspondcnt herum und prophezeit den Untergang des heutigenJerusalems; aber er selber fristet doch sein kümmerliches Leben durch Bericht-erstattung dessen, was diese so gesunkenen Franzosen täglich schaffen und thun,und seine rcspcktivcn Committcntcn, die deutschen Zcitungsredactioncn, wür-den ohne Berichte aus Paris keine drei Wochen lang ihre Journalspaltcn fül-len können. Nein, Frankreich hat noch nicht geendet, aber wie alle Völ-ker, wie das Menschengeschlecht selbst es ist nicht ewig, cS hat vielleicht schonseine Glanzperiode überlebt, und cS geht jetzt mit ihm eine Umwandlung vor,die sich nicht abläugncn läßt: auf seiner glatte» Stirn lagern sich diverse Run-zeln, das leichtsinnige Haupt bekommt graue Haare, senkt sich sorgenvoll und