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6 (1855) Vermischte Schriften : zweite Abtheilung
Entstehung
Seite
230
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in dieser Beziehung konnte immerhin einer unserer Freunde die schöne Fraumit der Marmorstatuc der Venus von Milo vergleichen, die in de» unternSeilen des Louvres aufgestellt. Ja, George Sand ist schön wie die Venusvon Milo; sie übertrifft diese sogar durch manche Eigenschaften; sie ist z. B.sehr viel jünger. Die Phpsiognomen welche behaupten, daß die Stimme desMenschen seinen Charakter am untrüglichsten ausspreche, würden sehr verle-gen sein, wenn sie die außerordentliche Innigkeit einer George Sand ausihrer Stimme herauslauschcn sollten. Letztere ist matt und welk, ohne Metall,jedoch sanft und angenehm. Die Natürlichkeit ihres Sprechens verleiht ihreinigen Reiz. Von Gcsangsbegabniß ist bei ihr keine Spur; George Sandsingt höchstens mit der Bravour einer schönen Grisctte, die noch nicht gefrüh-stückt hat oder sonst nicht eben bei Stimme ist. Das Organ von GeorgeSand ist eben so wenig glänzend wie das was sie sagt. Sie hat durchausnichts von dem sprudelnden Esprit ihrer Landsmänninnen, aber auch nichtsvon ihrer Geschwätzigkeit. Dieser Schweigsamkeit liegt aber weder Beschei-denheit noch sympathetisches Versenken in die Rede eines Andern zum Grunde.Sie ist einsilbig vielmehr aus Hochmuth, weil sie dich nicht Werth hält, ihrenGeist an dir zu vergeuden, oder gar aus Selbstsucht, weil sie das Beste deinerRede in sich aufzunehmen trachtet, um cS später in ihren Büchern zu verar-beiten. Daß George Sand aus Geiz im Gespräche nichts zu geben und im-mer etwas zu nehmen versteht, ist ein Zug, worauf mich Alfred de Muffeteinst aufmerksam machte. Sie hat dadurch einen großen Vorthcil vor unsAndern, sagte Musset, der in seiner Stellung als langjähriger Cavalicreservente jener Dame die beste Gelegenheit hatte, sie gründlich kennen zulernen.

Nie sagt George Sand etwas Witziges, wie sie überhaupt eine der un-witzigsten Französinnen ist, die ich kenne. Mit einem liebenswürdigen, oftsonderbaren Lächeln hört sie zu, wenn Andere reden, und die fremden Ge-danken, die sie in sich aufgenommen und verarbeitet hat, gehen aus demAlambik ihres Geistes weit kostbarer hervor. Sie ist eine sehr feine Horcherin.Sie hört auch gern auf den Rath ihrer Freunde. Bei ihrer unkanonischcnGeistesrichtung hat sie, wie begreiflich, keinen Beichtvater, doch da die Weiber,selbst die emancipationssüchtigsten, immer eines männlichen Lenkers, einermännlichen Autorität bedürfen, so hat George Sand gleichsam einen literari-schen llirootour cks oonsoienoo, den philosophischen Kapuziner Pierre Lcroux.Dieser wirkt leider sehr verderblich aus ihr Talent, denn er verleitet sie, sich inunklare Faseleien und halbausgebrütete Ideen einzulassen, statt sich der heiternLust farbenreicher und bestimmter Gestaltungen hinzugeben, die Kunst derKunst wegen ikbcnd. Mit weit weltlicheren Functionen hatte George Sandunser» vielgeliebten Frcderic Chopin betraut. Dieser große Musiker und