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6 (1855) Vermischte Schriften : zweite Abtheilung
Entstehung
Seite
227
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her selten hier, wo die Actrice und die Courtisane ihre Rolle wechseln, wo dieKomödie aufhört und die liebe Natur wieder anfängt, wo der fünffüßigeJambus in die vicrsüßige Unzucht übergeht. Diese Amphibie» von Kunstund Laster, diese Melusinen des Scinestrandcs, bilden gewiß den gefährlich-sten Theil des galanten Paris, worin so viele holdselige Monstra ihr Wesentreiben. Wehe dem Unerfahrenen, der in ihre Netze geräth! Wehe auch demErfahrenen, der wohl weiß, daß das holde Ungestüm in einen häßlichen Fisch-schwauz endet, und dennoch der Bezaubcrung nicht zu widerstehen vermag,und vielleicht eben durch die Wollust des inner» Grauens, durch den fatalenReiz des lieblichen Verderbens, des süßen Abgrunds, desto sicherer überwäl-tigt wird.

Die Weiber, von welchen hier die Rede, sind nicht böse oder falsch, sie sindsogar gewöhnlich von außerordentlicher Herzensgute, sie sind nicht so bctrüglichund so habsüchtig wie man glaubt, sie sind mitunter vielmehr die tcreuherzig-sten und großmüthigstcn Creaturen; alle ihre unreinen Handlungen entstehendurch das momentane Bedürfniß, die Noth und die Eitelkeit; sie sind über-haupt nicht schlechter als andere Töchter Evas, die von Kindheit auf durchWohlhabenheit und überwachende Sippschaft oder durch die Gunst des Schick-sals vor dem Fallen und dem noch tiefer Fallen geschützt werden. Das Cha-rakteristische bei ihnen ist eine gewisse Zerstörungssucht, von welcher sie besessensind, nicht blos zum Schaden eines Galans, sondern auch zum Schaden des-jenigen Mannes, den sie wirklich lieben, und zumeist zum Schaden ihrereigenen Person. Diese Zerstörungssucht ist tief verwebt mit einer Sucht,einer Wuth, einem Wahnsinn nach Genuß, dem augenblicklichsten Genuß,der keinen Tag Frist gestattet, an keinen Morgen denkt, und aller Bcdcnklich-kciten überhaupt spottet. Sic erpressen dem Geliebten seineu letzten So»,bringen ihn dahin, auch seine Zukunft zu verpfänden, um nur der Freude derStunde zu genügen; sie treiben ihn dahin, selbst jene Ressourcen zu vergeu-den, die ihnen selber zu gute kommen dürften, sie sind manchmal sogar schuld,daß er seine Ehre escomptirtkurz sie ruinircn den Geliebten in der grauen-haftesten Eile und mit einer schauerlichen Gründlichkeit. Montesquieu hatirgendwo in seinem esxrit ckes lois das Wesen des Despotismus dadurch zucharaktcrisireu gesucht, daß er die Despoten mit jenen Wilden verglich, die,wenn sie die Früchte eines Baumes genießen wollen, sogleich zur Art greifenund den Baum selbst niederfallen, und sich dann gemächlich neben dem Stammniedersetzen und in genäschiger Hast die Früchte ausspcisen. Ich möchte dieseVergleichuug aus die erwähnten Damen anwenden. Nach Shakespeare, deruns in der Cleopatra, die ich einst eine reine antreten»« genannt habe, eintiefsinniges Beispiel solcher Frauengcstalten aufgezeichnet hat, ist gewiß unserFreund Honorö de Balzac derjenige, der sie mit der größten Treue