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6 (1855) Vermischte Schriften : zweite Abtheilung
Entstehung
Seite
226
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Ncpräscntativsystem und das politische-Treiben, die besten schauspielerischenTalente der Franzosen absorbirt, und deshalb auf dem eigentlichen Theaternur die Mediokritäten zu finden sind. Dieses gilt aber nur von den Män-nern, nicht von den Weibern; die französische Bühne ist reich an Schauspie-lerinnen vom höchsten Werth, und die jcßige Generation überflügelt vielleichtdie frühere. Große, außerordentliche Talente bewundern wir, die sich hier umso zahlreicher entfalten konnten, da die Frauen durch eine ungerechte Geseh-gebung, durch die Usurpation der Männer, von allen politischen Aemtcrn undWürden ausgeschlossen sind und ihre Fähigkeiten nicht ans den Brettern desPalais Bourbon und des Lürcmbourg geltend machen können. Ihrem Drangnach Oeffcntlichkeit stehen nur die öffentlichen Häuser der Kunst und der Ga-lanteric offen, und sie werden entweder Actriccn oder Lorettcn, oder auch beideszugleich, denn hier in Frankreich sind diese zwei Gewerbe nicht so streng ge-schieden, wie bei uns in Deutschland, wo die Komödianten oft zu den rcpu-tirlichstcn Personen gehören und nicht selten sich durch bürgerlich gute Auf-führung auszeichnen; sie sind bei uns nicht durch die öffentliche Meinung wieParias ausgestoßen aus der Gesellschaft, und sie finden vielmehr in den Häu-sern des Adels, in den Soirscn toleranter jüdischer Banquiers und sogar ineinigen honncttcn bürgerlichen Familien eine zuvorkommende Aufnahme. Hierin Frankreich im Gegentheil, wo so viele Vornrtheile ausgerottet sind, ist dasAnathcma der Kirche noch immer wirksam in Bezug auf die Schauspieler; siewerden noch immer als Verworfene betrachtet, und da die Menschen immerschlecht werden, wenn man sie schlecht behandelt, so bleiben mit wenigen Aus-nahmen die Schauspieler hier im verjährten Zustande des glänzend schmukigcnZigeunerthums. Thalia und die Tugend schlafen hier selten in demselbenBette, und sogar unsere berühmteste Melpomenc steigt manchmal von ihremCothurn herunter, um ihn mit den liederlichen Pantöffelchen einer Philine zuvertauschen.

Alle schöne Schauspielerinnen haben hier ihren bestimmten Preis, und die,welche um keinen bestimmten Preis zu haben, sind gewiß die theucrstcn. Diemeisten jungen Schauspielerinnen werden von Verschwendern oder reichenParvenüs unterhalten. Die eigentlichen unterhaltenen Frauen, die sogenann-ten kemmes entrstsnnss, empfinden dagegen die gewaltigste Sucht, sich aufdem Theater zu zeigen, eine Sucht, worin Eitelkeit und Calcnl sich vereinigen,da sie dort am besten ihre Körperlichkeit zur Schau stellen, sich den vornehmenLüstlingen bemerkbar machen und zugleich auch vom größern Publikum bewun-dern lassen können. Diese Personen, die man besonders auf den kleinenTheatern spielen sieht, erhalten gewöhnlich gar keine Gage, im Gegentheil, siebezahlen noch monatlich den Direktoren eine bestimmte Summe für die Ver-günstigung, daß sie auf ihrer Bühne sich produciren können. Man weiß da-