— 214 —
Eigenschaften, aus einen ungezügelten Leichtsinn, auf eine kecke Laune, auf eineFreimüthigkeit, die mit seinem eigenen versteckten, krummlinigten, eingeschach-telten Charakter fast beleidigend contrastirt und ihm also ebenfalls wenig be-hagen kann. Hierzu kommt, daß der König gern spricht, ja sogar sich gern inein unendliches Schwatzen verliert, was sehr merkwürdig, da verstellungssüch-tige Naturen gewöhnlich wortkarg sind. Gar bedeutend muß ihm deßhalb einGuizot mißfallen, der nie discurirt, sondern immer docirt und endlich, wenner seine Thesis bewiesen hat, die Gegenrede des Königs mit Strenge anhört,und wohl gar dem König Beifall nickt, als habe er einen Schulknabcn vor sich,der seine Lection gut hersagt. Bei Thiers gehts dem Könige noch schlimmer,der läßt ihn gar nicht zu Worte kommen, verloren in die Strömung seinereigenen Rede. Das rieselt unaufhörlich, wie ein Faß, dessen Hahn ohneZapfen, aber immer kostbarer Wein. Kein Anderer kommt da zu Worte, undnur während er sich rasirt, ist man im Stande, bei Herrn Thiers ruhiges Ge-hör zu finden. Nur so lange ihm das Messer an der Kehle ist, schweigt erund schenkt fremder Rede Gehör.
Es ist keinem Zweifel unterworfen, daß der König sich endlich entschließt,den Begehrnissen der Kammer nachgebend, Herrn Thiers mit der Bildungeines neuen Ministeriums zu beauftragen und ihm als Präsidenten des Con-scils auch das Portefeuille der äußern Angelegenheiten anzuvertrauen. Dasist leicht vorauszusehen. Man dürfte aber mit großer Gewißheit prophezeien,daß das neue Ministerium nicht von langer Dauer sein wird, und daß HerrThiers selber eines frühen Morgens dem Könige eine gute Gelegenheit gicbt,ihn wieder zu entfernen und Herrn Guizot an seine Stelle zu berufen. HerrThiers, bei seiner Behendigkeit und Geschmeidigkeit, zeigt immer ein großesTalent, wenn es gilt den mät äs (looaZus der Herrschaft zu erklettern, hinauszu rutschen, aber er bekundet ein noch größeres Talent des Wicdcrhcruntcrglci-tens, und wenn wir ihn ganz sicher auf dem Gipfel seiner Macht glauben,glitscht er unversehens wieder herab, so geschickt, so artig, so lächelnd, so genial,daß wir diesem neuen Kunststuck schier applaudircn möchten. Herr Guizot istnicht so geschickt im Erklimmen des glatten Mastes. Mit schwerfälliger Mühezottelt er sich hinaus, aber wenn er oben einmal angelangt, klammert er sichfest mit der gewaltigen Tatze; er wird auf der Höhe der Gewalt immer längerverweilen, als sein gelenkiger Nebenbuhler, ja wir möchten sagen, daß er auSUnbeholfcnhcit nicht mehr herunterkommen kann und ein starkes Schüttelnnöthig sein wird, ihm das Herabpurzeln zu erleichtern. In diesem Augen-blick sind vielleicht schon die Depeschen unterwegs, worin Ludwig Philipp denauswärtigen Cabinetten auseinandersetzt, wie er, durch die Gewalt der Dingegezwungen, den ihm fatalen Thiers zum Minister nehmen muß, anstatt deSGuizot, der ihm viel angenehmer gewesen wäre.