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6 (1855) Vermischte Schriften : zweite Abtheilung
Entstehung
Seite
209
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jedem Vorwurf, eine ungesetzliche Handlung begangen zu haben, ganz frei-spreche», und ihn allenfalls nur der allzugroßcn Schlauheit schuldig erklärenkönnen. Die Kammer, welche ihre Eingriffe in die königlichen Vorrechteweniger klug durch legale Form bemäntelte, träfe gewiß ein weit herberes Ver-biet, wenn nicht etwa als Mildcrungsgrund angeführt werden dürfte, daß sieprovozirt worden sei durch die absoluten GcwaltSgelllste dcS Königs; sie kannsagen, sie habe denselben befehdet, um ihn zu entwaffnen und selber die Dik-tatur zu übernehmen, die in seinen Händen staats- und frciheitsverdcrblichwerden konnte. Der Zweikampf zwischen dem König und der Kammer bildetden Inhalt der parlamentarischen Periode und beide Parteien hatten sich zuEnde derselben so sehr abgemüdet und geschwächt, daß sie kraftlos zu Bodensanken, als ein neuer Prätendent auf dem Schauplatz erschien. Am 24.Februar 1848 fielen sie fast gleichzeitig zu Boden, das Königthum in den Tuil-lcrien und einige Stunden später das Parlament in dem nachbarlichen PalaisBourbon. Die Sieger, das glorreiche Lumpengesindel jener Fcbruartagc,brauchten wahrhastig keinen Aufwand von Hcldcnmuth zu machen, und siekönnen sich kaum rühmen, ihrer Feinde ansichtig geworden zu sein. Sic habendas alte Regiment nicht gctödtct, sondern sie haben nur seinem Scheinlebenein Ende gemacht: König und Kammer starben, weil sie längst todt waren.Diese beiden Kämpen der parlamentarischen Periode mahnen mich an ein Bild-werk, das ich einst zu Münster in dem großen Saale des Rathhauses sah, woder wcstphälische Frieden geschlossen worden. Dort stehen nämlich längs denWänden, wie Chorstühlc, eine Reihe hölzerner Sitze, auf deren Lehne allerleihumoristische Sculpturcn zu schauen sind. Auf einem dieser Holzstühle sindzwei Figuren dargestellt, welche in einem Zweikampf begriffen; sie sind ritter-lich geharnischt, und haben eben ihre ungeheuer großen Schwerter erhoben,um auf einander cinzuhaucn doch sonderbar! jedem von ihnen fehlt dieHauptsache, nämlich der Kopf, und es scheint, daß sie sich in der Hitze desKampfes einander die Köpfe abgeschlagen haben und jetzt, ohne ihre beidersei-tige Kopflosigkeit zu bemerken, weiter fechten.

Die Blüthezeit der parlamentarischen Periode waren das Ministerium vomI. März 1840 und die ersten Jahre des Ministeriums vom 23. November1840. Erstercs mag für den Deutschen noch ein besonderes Interesse bewah-ren, weil damals Thiers unser Vaterland in die große Bewegung hineintrom-mclte, welche das politische Leben Deutschlands weckte; Thiers brachte unswieder als Volk auf die Beine, und dieses Verdienst wird ihm die deutscheGeschichte hoch anrechnen. Auch der EriSapfcl der orientalischen Frage kommtunter jenem Ministerium bereits zum Vorschein, und wir scheu im grellstenLichte den Egoismus jener britischen Oligarchie, die uns damals gegen dieFranzosen verhetzte. Daß das aufrichtige und großmüthige, bis zur Fanfa-