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6 (1855) Vermischte Schriften : zweite Abtheilung
Entstehung
Seite
192
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bequem Athcm schöpfe u. s. w., so sprechen jene Leute unaufhörlich vonStärke und von der Kraft, die sie bei den verschiedenen Bedrohnissen schon ent-wickelt und noch zu entwickeln vermögen. Da kommen nun täglich die Diplo-maten aufs Schloß und fühlen ihnen den Puls, und lassen sich die Zungezeigen, betrachten sorgfältig den Urin und schicken dann ihren Höfen das po-litische Sanitätsbulletin. Bei den fremden Bevollmächtigten ist es ja eben-falls eine ewige Frage: Ist Ludwig Philipp stark oder schwach? Im erstemFalle können ihre Herren daheim jede Maßregel ruhig beschließen und aus-führen; im andern Falle, wo ein Umsturz der französischen Regierung undKrieg zu befürchten stände, dürften sie nichts Unmildcs zu Hause unternehmen. Jene große Frage, ob Ludwig Philipp schwach oder stark ist, mag schwerzu entscheiden sein. Aber leicht ist es einzusehen, daß die Franzosen selbst indiesem Augenblicke durchaus nicht schwach sind. Im Herzen der Völker habensie neue Alliirtc gefunden, während ihre Gegner seht eben nicht auf der Höheder Popularität stehen. Sie haben unsichtbare Geisterheere zum Kampfge-nossen, und dabei sind ihre eigenen leiblichen Armeen im blühendsten Zustande.Die französische Jugend ist so kriegslustig und begeistert wie 1792. Mit lusti-ger Musik ziehen die jungen Konscribirtcn durch die Stadt, und tragen aufden Hüten flatternde Bänder und Blumen, und die Nummer, die sie gezogen,welche gleichsam ihr großes Loos. Und dabei werden Frciheitslieder gesungenund Märsche getrommelt vom Jahre 99.

Aus der Normmidie

Havrc, den 1. August.

Ob Ludwig Philipp stark oder schwach ist, scheint wirklich die Hauptfragezu sein, deren Lösung eben so sehr die Völker wie die Machthaber interessirt.Ich hielt sie daher beständig im Sinne während meiner Erkursion durch dienördlichen Provinzen Frankreichs. Dennoch erfuhr ich, die öffentliche Stim-mung betreffend, so viel Widersprechendes, daß ich über jene Frage nicht vielGründlicheres mittheilen kann, als diejenigen, die in den Tuillcricn, oder viel-mehr in St. Cloud, ihre Weisheit holen. Die Nordfranzosen, namentlichdie schlauen Normannen, sind überhaupt nicht so leicht geneigt, sich unverholenauszusprechen, wie die Leute im Lande Oc. Oder ist es schon ein Zeichenvon Mißvergnügen, daß jener Theil der Bürger im Laude Oni, die nur fürdas Landesintercssc besorgt sind, meistens ein ernstes Stillschweigen beobach-ten, sobald man sie über letzteres befragt? Nur die Jugend, welche für Ideen-