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6 (1855) Vermischte Schriften : zweite Abtheilung
Entstehung
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Stunden später desselben WegS zurückkehrte, ritt er an der linken Seite, wo erdasselbe Mancouvre fortsetzte, so daß ich mich nicht wundern würde, wenn er,in Folge dieser schiefen Haltung, heute die größten Brustschmerzen empfindet,oder sich gar eine Rippe verrenkt hat. Jene außerordentliche Geduld desKönigs war wirklich unbcgreisbar. Dabei mußte er beständig lächeln. Aberunter der dicken Freundlichkeit jenes Gesichtes, glaube ich, lag viel Kummerund Sorge. Der Anblick des Mannes hat mir tiefes Mitleid eingeflößt.Er hat sich sehr verändert, seit ich ihn diesen Winter auf einem Ball in denTuillcricn gesehen. Das Fleisch seines Gesichtes, damals roth und schwel-lend, war gestern schlaff und gelb, sein schwarzer Backenbart war jetzt ganzergraut, so daß er aussieht, als wenn sogar seine Wangen sich seitdem geäng-stigt ob gegenwärtiger und künftiger Schläge des Schicksals; wenigstens wares ein Zeichen des Kummers, daß er nicht daran gedacht hat, seinen Backen-bart schwarz zu färben. Der dreieckige Hut, der, mit ganzer Vorderbreitc,ihm tief in die Stirne gedrückt saß, gab ihm außerdem ein sehr unglücklichesAnsehen. Er bat gleichsam mit den Augen um Wohlwollen und Verzeihung.Wahrlich, diesem Manne war es nicht anzusehen, daß er uns Alle in Be-lagerungszustand erklärt hat. Es regte sich daher auch nicht der mindeste Un-wille gegen ihn, und ich mnß bezeugen, daß großer Bcifallrus ihn überallbegrüßte; besonders haben ihm diejenigen, denen er die Hand gedrückt, einrasendes Lebehoch nachgeschrien und aus tausend Wcibcrmäulcrn erscholl eingellendes: Vive le roi! Ich sah eine alte Frau, die ihren Mann in die Rip-pen stieß, weil er nicht laut genug geschrien. Ein bitteres Gefühl ergriff mich,wenn ich dachte, daß das Volk, welches jetzt den armen händcdrückcnden LudwigPhilipp umjubelt, dieselben Franzosen sind, die so oft den Napoleon Bona-partc vorbeireiten sahen mit seinem marmornen Cäsargcsicht und seinen unbe-wegten Augen undunnahbaren" Händen.

Nachdem Ludwig Philipp die Heerschau gehalten, oder vielmehr das Heerbetastet hatte, um sich zu überzeugen, daß cS wirklich cxistirt, dauerte der mili-tairische Lärm noch mehrere Stunden. Die verschiedenen Korps schrien sichbeständig Komplimente zu, wenn sie an einander vorübermarschirtcn. VivoIn, Ugue ! rief die Nationalgarde, und jene schrie dagegen Vivo In (Zarcke na-tionalo! Sic fraternisirten. Man sah einzelne Liniensoldatcn und Natio-nalgardcn in symbolischer Umarmung; ebenso, als symbolische Handlung,theilten sie mit einander ihre Würste, ihr Brod und ihren Wein. ES ereig-nete sich nicht die geringste Unordnung.

Ich kann nicht umhin, zu erwähne», daß der Ruf: Vive la Uderts ! derhänsigste war, und wenn diese Worte von so vielen tausend bewaffneten Leutenaus voller Brust hcrvorgejauchzt wurden, fühlte man sich ganz heiter be-ruhigt, trotz des Belagerungsstandes und der iustituirten Kriegsgerichte. Aber