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6 (1855) Vermischte Schriften : zweite Abtheilung
Entstehung
Seite
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ohngeachtct dieser Umwandlung, dehielt der Adel die Vorrechte, die er einstüber das Volk ausgeübt; ja sein Hochmuth gegen letzcrcs stieg, je mehr ergegen seinen königlichen Herrn in Dcmuth versank; er usurpirtc, nach wievor, alle Genüsse, drückte und beleidigte, nach wie vor; und dasselbe that jeneGeistlichkeit, die ihre Macht über die Geister längst verloren, aber ihre Zehn-ten, ihr Dreigöttcrmonopol, ihre Privilegien der Gcistesuntcrdrückung undder kirchlichen Tücken noch bewahrt hatte. Was einst, im Bauernkrieg, dieLehrer des Evangeliums versucht, das thaten die Philosophen jetzt in Frank-reich, und mit besserem Erfolg; sie dcmonstrirten dem Volke die Usurpationendes Adels und der Kirche; sie zeigten ihm, daß beide kraftlos geworden;und das Volk jubelte auf, und als am 11. Junius 1789 das Wetter sehrgünstig war, begann das Volk das Werk seiner Befreiung, und wer am 11.Junius 1799 den Platz besuchte, wo die alte, dumpfe, mürrisch unangenehmeBastillc gestanden hatte, fand dort, statt dieser, ein luftig lustiges Gebäude,mit der lachenden Aufschrift: rci on clause.

Seit siebzehn Jahren sind die Schriftsteller in Europa unablässig bemüht,die Gelehrten Frankreichs von dem Vorwurf zu befreien, als hätten sie denAusbruch der französischen Revolution ganz besonders verursacht. Die jetzigenGelehrten wollten wieder bei den Großen zu Gnaden aufgenommen werden,sie suchten wieder ihr weiches Plätzchen zu den Füßen der Macht, und gebchr-dctcn sich dabei so servil unschuldig, daß man sie nicht mehr für Schlangenansah, sondern für gewöhnliches Gcwürme. Ich kann aber nicht umhin, derWahrheit wegen zu gestehen, daß eben die Gelehrten des vorigen Jahrhun-derts den Ausbruch der Revolution am meisten befördert und deren Charakterbestimmt haben. Ich rühme sie dcßhalb, wie man de» Arzt rühmt, der eineschnelle Crisis herbeigeführt und die Natur der Krankheit, die tödtlich werdenkonnte, durch seine Kunst gemildert hat. Ohne das Wort der Gelehrten hätteder hinsiechende Zustand Frankreichs noch unerquicklich länger gedauert; uuddie Revolution, die doch am Ende ausbrechen mußte, hätte sich minder edelgestaltet; sie wäre gemein und grausam geworden, statt daß sie jetzt nurtragisch und blutig ward; ja, was noch schlimmer ist, sie wäre vielleicht insLächerliche und Dumme ausgeartet, wenn nicht die materiellen Nöthen einenidealen Ausdruck gewonnen hätten; wie es leider nicht der Fall ist in jenenLändern, wo nicht die Schriftsteller das Volk verleitet haben, eine Erklärungder Menschenrechte zu verlangen, und wo man eine Revolution macht, umkeine Thorsperre zu bezahlen, oder um eine fürstliche Maitresse los zu werdenu. s. w. Voltaire uud Rousseau sind zwei Schriftsteller, die mehr als alleandre der Revolution vorgearbeitet, die späteren Bahnen derselben bestimmthaben, und noch jetzt das französische Volk geistig leiten und beherrschen. So-gar die Feindschaft dieser beiden Schriftsteller hat wunderbar nachgewirkt;