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6 (1855) Vermischte Schriften : zweite Abtheilung
Entstehung
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und vernichtet die irrige Autorität; Christus, der für die Gleichheit und Brü-derschaft der Menschen gestorben ist, hat sein Wort nicht als Werkzeug desAbsolutismus offenbart, und Luther hatte Unrecht und Thomas Mainzerhatte Recht. Er wurde enthauptet zu Mödli». Seine Gefährten hattenebenfalls Recht, und sie wurden theils mit dem Schwerte hingerichtet, thcilsmit dem Stricke gehenkt, je nachdem sie adeliger oder bürgerlicher Abkunftwaren. Markgraf Casimir von Anspach hat, noch außer solchen Hinrichtun-gen, auch fünf und achtzig Bauern die Augen ausstechen lassen, die nachherim Lande herumbettcltcn und ebenfalls Recht hatten. Wie es in Oberöstrcichund Schwaben den armen Bauern erging, wie überhaupt in Deutschland vielehunderttausend Bauern, die nichts als Menschenrechte und christliche Mildeverlangten, abgeschlachtet und gewürgt wurden von ihren geistlichen und welt-lichen Herren, ist männiglich bekannt. Aber auch letztere hatten Recht, dennsie waren noch in der Fülle ihrer Kraft, und die Bauern wurden manchmalirre an sich selber, durch die Autoritäten eines Luthers und anderer Geistlichen,die es mit den Weltlichen hielten, und durch unzeitige Controverse über zwei-deutige Bibclstellcn, und weil sie manchmal Psalmen sangen statt zu fechten.

Im Jahr der Gnade 1789 begann in Frankreich derselbe Kampf um Gleich-heit und Brüderschaft, aus denselben Gründen, gegen dieselben Gewalthaber,nur daß diese durch die Zeit ihre Kraft verloren und das Volk an Kraft ge-wonnen und nicht mehr aus dem Evangelium, sondern aus der Philosophieseine Rechtsansprüche geschöpft hatte. Die feudalistischen und hierarchischenInstitutionen, die Carl der Große in seinem großen Reiche begründet und diesich in den daraus hervorgegangenen Ländern mannigfaltig entwickelt, diesehatten in Frankreich ihre mächtigen Wurzeln geschlagen, Jahrhunderte langkräftig geblüht, und, wie alles in der Welt, endlich ihre Kraft verloren. DieKönige von Frankreich, verdrießlich ob ihrer Abhängigkeit von dem Adel undvon der Geistlichkeit, welcher crstcre sich ihnen gleich dünkte und welche letzteremehr als sie selbst das Volk beherrschte: hatten allmählig die Selbstständigkeitjener beiden Mächte zu vernichten gewußt, und unter Ludwig XIV. war diesesstolze Werk vollendet. Statt eines kriegerischen Feudaladcls, der die Königeeinst beherrschte und schützte: kroch jetzt um die Stufen des Thrones, einschwächlicher Hofadel, dem nur die Zahl seiner Ahnen, nicht seiner Burgenund Mannen, Bedeutung verlieh; statt starrer, ultramontanischer Priester,die mit Beicht und Bann die Könige schreckten, aber auch das Volk im Zaumehielten: gab es jetzt eine gallikanischc, so zu sagen mcdiatisirte Kirche, derenAcmter man im veul cko boeuk von Versaillc, oder im Boudoir der Mai-trcsscn erschlich, und deren Oberhäupter zu denselben Adligen gehörten, dieals Hofdomestiken paradirten, so daß Abt- und Bischosskostum, Pallium undMitra, als eine andre Art von Hoslivree betrachtet werden konnte; und