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6 (1855) Vermischte Schriften : zweite Abtheilung
Entstehung
Seite
158
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d'Alfort mit der Fahne aufs Dach, rief sein Viva In Uöxubligiis, und stürztenieder von Kugeln durchbohrt. In ein HauS, dessen erste Etage noch vonden Republikanern behauptet wurde, drangen die Soldaten und brachen dieTreppe ab; jene aber, die ihren Feinden nicht lebend in die Hände fallenwollten, haben sich selber umgebracht und man eroberte nur ein Zimmer vollLeichen. I» der Kirche Saint-Mery hat man mir diese Geschichte erzählt,und ich mußte mich dort an die Bildsäule des heiligen Sebastian anlehnen,um nicht vor innerer Bewegung umzusinken, und ich weinte wie ein Knabe.Alle Hcldengeschichten, worüber ich als Knabe schon so viel geweint, traten mirdabei ins Gedächtniß, fürnchmlich aber dacht' ich an Klcomcnes, König vonSparta, und seine zwölf Gefährten, die durch die Straßen von Alexandrienrannten, und das Volk zur Erkämpfung der Freiheit aufriefen, und keinegleichgesinnten Herzen fanden, und um den Tyrannenkncchtcn zu entgehen,sich selber tödtcten; der schöne Anteos war der letzte, noch einmal beugte ersich über den tobten Kleomenes, den geliebten Freund, und küßte die geliebtenLippen, und stürzte sich dann in sein Schwert.

Ucber die Zahl derer, die auf der Rllc-Saint-Martin gefochten, ist nochnichts bestimmtes ermittelt. Ich glaube, daß anfangs gegen zweihundertRepublikaner dort versammelt gewesen, die aber endlich, wie oben angedeutet,während des TageS vom 6. Juni auf scchszig zusammengeschmolzen waren.Kein einziger war dabei, der einen bekannten Namen trug, oder den manfrüher als einen ausgezeichneten Kämpen des Rcpublikanismus gekannt hätte.Es ist das wieder ein Zeichen, daß, wenn jetzt nicht viele Hcldennamcu inFrankreich besonders laut erklingen, keineswegs der Mangel an Helden daranSchuld ist. Ucberhaupt scheint die Wcltpcriode vorbei zu sein, wo die Thatcnder Einzelnen hervorragen; die Völker, die Parthcicn, die Massen selber sinddie Helden der neuem Zeit; die moderne Tragödie unterscheidet sich von derantiguen dadurch, daß jetzt die Chöre agircn und die eigentlichen Hauptrollenspielen, während die Götter, Heroen und Tyrannen, die frllhcrhin die han-delnden Personen waren, jetzt zu mäßigen Repräsentanten des Parthciwillcusund der Volksthat herabsinken, und zur schwatzenden Betrachtung hingestelltsind, als Thronreduer, als Gaftmahlpräsideuten, Landtagsabgcorducte, Mi-nister, Tribüne u. s. w. Die Tafelrunde des großen Ludwig Philipp, dieganze Opposition mit ihren oomxtss mallus, mit ihren Deputationen, dieHerren Odilon-Barrot, Lafitte und Arago, wie passiv und gcringsclig er-scheinen diese abgedroschenen renommirtcn Leute, diese scheinbaren Notabili-täten, wenn man sie mit den Helden der Nüc-Saint-Martin vergleicht, derenNamen niemand kennt, die gleichsam anonym gestorben sind.

Der bescheidene Ton dieser großen Unbekannten vermag nicht blos uns einewehmllthige Rührung einzuflößen, sondern er ermuthigt auch unsere Seele,