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5 (1855) Vermische Schriften : erste Abtheilung
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zwischen ihnen und der deutschen Truppe konnte es nicht fehlen. Die Posenervon deutscher Zunge gestanden zwar, daß die polnischen Schauspieler schönerspielten, als die deutschen, und schöner sangen, und eine schönere Gardekobeführten u. f. w.; aber sie bemerkten doch: die Polen hätten keinen Anstand.Und das ist wahr; es fehlte ihnen jene traditionelle Theater-Etikette undpompöse, präziöse und graziöse Gravität deutscher Comödiantcn. Die Polenspielen im Lustspiel, im bürgerlichen Schauspiel und in der Oper nach leichten,französischen Mustern; aber doch mit der original-polnischen Unbefangenheit.Ich habe leider keine Tragödie von ihnen gesehen. Ich glaube, ihre Haupt-forre ist das Sentimentale. Dieses bemerkte ich in einer Vorstellung desTaschenbuchs" von Kotzebne, das man hier gab unter dem Titel:JanGrudczpnski, Starost von Rawa," Schauspiel in drei Akten, nach demDeutschen von L. A. Dmuszewski. Ich wurde ergriffen von dem hinreißendschmelzenden Klagen-Erguß der Madam Szvmkavlowa, welche dieJad-wiga," Tochter des in Anklagezustand gesetzten Starosts spielte. Die Sprachedes Herrn Wlodck, LiebhaberJadwiga's," trug dasselbe sentimentale Ko-lorit. An die Stelle der tabackschnupfcndcn Alten war ein schnupfenderHaushofmeister,Tadeusz Telempski," substituirt, den Herr Zebrowskiziemlich unbedeutend gab. Eine unvergleichliche Anmuth zeigten die polni-schen Sängerinnen, und das sonst so rohe Polnische klang mir wie Italienisch,als ich es singen hörte. Madam Skibinska beseligte meine Seele alsPrin-zessin von Navarra," alsZctulba" imCaliphen von Bagdad" und alsAlme." Eine solcheAlme" habe ich noch nie gehört. In der Scene, dasie ihren Geliebten in den Schlaf singt und die bevrängenden Botschaften er-hält, zeigte sie auch ein Spiel, wie es selten bei einer Sängerin gefundenwird. Sic und ihr heiteres Golkonda werden mir noch lange vor den Augenschweben und in den Ohren klingen. Madam Zawadzka ist eine lieblicheLo-rezza," ein freundlich schönes Mädchcnbild. Auch Madam Wlodkowa singttrefflicb. Herr Zawadzki singt denOlivier," ganz vorzüglich, spielt ihnaber schlecht. Herr Romanowski giebt einen gutenJohann." Herr Szpm-kaplo ist ein gar köstlicher Bouffon. Aber die Polen haben keinen Anstand!Viel mag der Reiz der Neuheit dazu beigetragen haben, daß mich die polnischenSchauspieler so sehr ergötzt. Bei jeder Vorstellung, die sie gaben, war dasHaus gedrängt voll. Alle Polen, die in Posen sind, besuchten aus Patrio-tismus das Theater. Die meisten polnischen Edcllente, deren Güter nichtgar zu weit von hier entfernt liegen, reisten nach Posen, um polnisch spielenzu sehen. Der erste Rang war gewöhnlich garnirt von polnischen Schönen,die, Blume an Blume gedrängt, heiter beisammen saßen, und voni Parterreaus den herrlichsten Anblick gewährten.

Von Antiquitäten der Stadt Posen und des Großherzogthums überhaupt

Heine. S4