— 391 —
Kampf gegen den Untergang ihrer Nationalität rief stets Erscheinungen her-vor, die dem ganzen Volke einen anderen Charakter aufdrücken, und auch ausden Charakter der Nachbar-Völker einwirken müssen. — Der Charakter derPolen war bisher militärisch, wie ich oben schon bemerkte; jeder polnische Edel-mann war Soldat und Polen eine große Kriegsschule. Jetzt aber ist dießnicht mehr der Fall, es suchen sehr Wenige Militär-Dienste. Die JugendPolens verlangt jedoch Beschäftigung, und da haben die Meisten ein anderesFeld erwählt als den Kriegsdienst, nämlich — die Wissenschaften. Ueberallzeigen sich die Spuren dieser neuen Geistesrichtung; durch die Zeit und dasLokal vielfach begünstigt, wird sie in einigen Dezennien, wie schon angedeutetist, dem ganzen Volkscharakter eine neue Gestalt verleihen. Noch unlängsthaben sie in Berlin jenen freudigen Zusammenfluß junger Polen gesehen, diemit edler Wißbegier und musterhaftem Fleiße in alle Theile der Wissenschafteneindrangen, besonders die Philosophie an der Quelle, im Hörsaale Hegels,schöpften, und jetzt leider, veranlaßt durch einige unselige Ereignisse, sich vonBerlin entfernten. Es ist ein erfreuliches Zeichen, daß die Polen ihre blindeVorliebe für die französische Literatur allmählig ablegen, die lange übersehenetiefere deutsche Literatur würdigen lernen, und, wie oben erwähnt ist, just demtiefsinnigsten deutschen Philosophen Geschmack abgewinnen konnten. Letztereszeigt, daß sie den Geist unserer Zeit begriffen haben, deren Stempel und Ten-denz die Wissenschaft ist. Viele Polen lernen jetzt Deutsch, und eine Mengeguter deutscher Bücher wird in'S Polnische übersetzt. Der Patriotismus hatebenfalls Thcil an diesen Erscheinungen. Die Polen fürchten den gänzlichenUntergang ihrer Nationalität; sie merken jetzt, wie viel zu Erhaltung derselbendurch eine National-Literatur bewirkt wird, und (wie drollig es auch klingt,so ist es doch wahr, was mir viele Polen ernsthaft sagten) in Warschau wirdan einer — polnischen Literatur gearbeitet. Es ist nun freilich ein 'großesMißvcrständniß, wenn man glaubt, eine Literatur, die ein aus dem ganzenVolke organisch Hervorgegangenes sein muß, könne im literarischen Treibhauseder Hauptstadt von einer Gelehrten-Gesellschaft zusammen geschrieben werden;aber durch diesen guten Willen ist doch schon ein Ansang gemacht, und Herr-liches muß in einer Literatur hervorblühcn, wenn sie als eine Vatcrlandssachebetrachtet wird. Dieser patriotische Sinn muß freilich auf eigene Jrrthümcrführen, meistens in der Poesie und in der Geschichte. Die Poesie wird dasErhcbungs-Kolorit tragen, hoffentlich aber den französischen Zuschnitt verlie-ren und sich dem Geiste der deutschen Romantik nähern. — Ein geliebter pol-nischer Freund sagte mir, um mich besonders zu necken! wir haben eben so gutromantische Dichter als Ihr, aber sie sitzen bei uns noch — im Tollhausc! —In der Geschichte kann der politische Schmerz die Polen nicht immer zur Un-parteilichkeit führen, und die Geschichte Polens wird sich zu einseitig und zu