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5 (1855) Vermische Schriften : erste Abtheilung
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gm ist. DaS religiöse Gefühl ist bei den deutschen Frauen tiefer als beiden Polinnen. Diese leben mehr nach außen als nach innen ; sie sind heitereKinder, die sich vor Heiligenbildern bekreuzen, durch das Leben wie durch einenschönen Rcdouten-Saal gaukeln, und lachen und tanzen, und liebenswürdigsind. Ich möchte wahrlich nicht Leichtfertigkeit, und nicht einmal Leichtsinnnennen jenen leichten Sinn der Polinnen, der so sehr begünstigt wird durchdie leichten polnischen Sitten überhaupt, durch den leichten französischen Ton,der sich mit diesen vermischt, durch die leichte französische Sprache, die in Polenmit Vorliebe, und fast wie eine Muttersprache, gesprochen wird, und durch dieleichte französische Literatur, deren Descrt, die Romane, von den Polinnenverschlungen werden; und was die Sittenreinhcit betrifft, so bin ich überzeugt,daß die Polinnen hierin den deutschen Frauen nicht nachzustehen brauchen.Die Ausschweifungen einiger polnischen Magnaten-Weiber haben, wegenihrer Großartigkeit, zu verschiedenen Zeiten viele Augen auf sich gezogen, undunser Pöbel, wie ich schon oben bemerkt, bcurtheilt eine ganze Nation nachden Paar schmutzigen Exemplaren, die ihm davon zu Gesicht gekommen.Außerdem muß man bedenken, daß die Polinnen schön sind, und daß schöneFrauen, aus bekannten Gründen, dem bösen Leumund am meisten ausgesetztsind, und demselben nie entgehen, wenn sie, wie die Polinnen, freudig dahinleben in leichter, anmuthiger Unbefangenheit. Glauben Sie mir, man ist inWarschau um nichts weniger tugendhaft, wie in Berlin, nur daß die Wogender Weichsel etwas wilder brausen als die stillen Wasser der seichten Spree.

Von den Weibern gehe ich über zu dem politischen Gcmüths-Zustande derPolen, und muß bekennen, daß ich bei diesem exaltirten Volke es immerwäh-rend bemerkte, wie schmerzlich es die Brust des polnischen Edelmanns bewegt,wenn er die Begebenheiten der letzten Zeit überschaut. Auch die Brust desNicht-Polen wird von Mitgefühl durchdrungen, wenn man sich die politischenLeiden aufzählt, die in einer kleinen Zahl von Jahren die Polen betroffen.Viele unserer Journalisten schassen sich dieses Gefühl gemächlich vom Halse,indem sie leichthin aussprechen: die Polen haben sich durch ihre Uneinigkeit ihrSchicksal selbst zugezogen, und sind also nicht zu bedauern. Das ist eine thö-richte Beschwichtigung. Kein Volk> als ein Ganzes gedacht, verschuldet etwas;sein Treiben entspringt aus einer inneren Nothwendigkcit, und seine Schick-sale sind stetsAesultate derselben. Dem Forscher offenbart sich der erhabenereGedanke: daß die Geschichte (Natur, Gott, Vorsehung u. s. w.), wie miteinzelnen Menschen, auch mit ganzen Völkern eigene große Zwecke beabsichtigt,und daß manche Völker leiden müssen, damit das Ganze erhalten werde undblühender fortschreite. Die Polen, ein slavischcs Grcnzvolk an der Pforte dergermanischen Welt, scheinen durch ihre Lage schon ganz besonders dazu be-stimmt, gewisse Zwecke m den Weltbegebenheiten zu erfüllen. Ihr moralischer